10. August 2006

Andere Menschen haben eine Erkältung, ich lege mich hin, um zu sterben

(Spoiler Warning: Dieser Eintrag ist einer von denen, die Maggie Mason mit ihrem Buch No One Cares What You Had For Lunch verhindern will. Ich habs bestellt. Weil es noch nicht da ist, seid Ihr jetzt im Folgenden mit einem überaus interessanten Ausschnitt aus meinem Leben konfrontiert. Aber wenn ich mich schon der Welt darlege, dann auch von dieser Seite.)

Es gibt Morgende, da fühl ich mich den Toten näher als den Lebendigen. Und nur die Tatsache, dass um mich herum alles vertraut ist, gibt mir die Sicherheit, nicht schon im Hades gelandet zu sein, denn Schmerzen gibt es dort mit Sicherheit auch. Inzwischen hab ich gelernt, dass dieser Zustand der Fastlebendigkeit nicht den ganzen Tag anhält sondern sich in der Regel mit dem ersten Schluck heißen Kaffees langsam zu verflüchtigen beginnt.

Gestern war wieder einmal so ein Morgen. Leider blieb mir die Fastlebendigkeit auch nach dem Kaffee noch eine Weile erhalten. Meine geliebte blaue Senseo der zweiten Generation hatte übrigens auch schon eine Portion durchgedrückt als ich den Glücksknopf noch mal drückte. Leider war die Tasse aber ja schon voll... Dazu gesellte sich fröhliches “Naselaufen” und natürlich hatte ich keine Taschentücher. Ich habe nie Taschentücher. Besonders nicht in der Handtasche. Niemals. Hört auf zu fragen, wenn ich mal welche habe, dann mache ich das schon lauthals bekannt.

Nun, Taschentücher gekauft und arbeiten gegangen. Ich habe einen Job, bei dem ich andere Menschen vollquatsche und die hören mir zu. Mach das mal, wenn Dir ununterbrochen die Nase läuft. Pünktlich zwei Sekunden nach Feierabend hörte alles auf. War klar.

Ich hab dann wieder den Kaffeetest gemacht. Hat aber immer noch nichts genutzt, ich blieb auf der falschen Seite des Styx. Es fingen aber auch schon die Leseschwierigkeiten an. Ich tendiere dazu, Buchstaben durcheinander zu werfen, beim Lesen und auch beim Tippen. „Canada” ist zum Beispiel ein ganz schwieriges Tippwort für mich und auch „rather.” Lesetechnisch passierte gestern auch einiges. „Trinktipps” statt „Linktipps”, „Vorsicht” statt „Voransicht”, „Personalteilung” statt „Personalabteilung” und „schrott” statt „short.” Bei völliger Verwirrung hilft oft ein leckeres Mahl. Da der Kühlschrank keinerlei Inhalt aufwies musste ich dann in den Plus. Hallo?? Muss das sein? Nicht alles Neue ist gut, man muss nicht jedem Trend folgen und plötzlich alles umstellen. Zumindest könnte man dann Lagepläne austeilen, damit der Kunde alles wiederfindet! Bis ich die Milch gefunden hatte (der Kaffeetest war ja noch nicht vorbei) waren fünfköpfige Familien schon mit ihrem Wocheneinkauf fertig. Und den Kamillentee hab ich vor lauter Aufregung völlig vergessen. Aber ich hätte ihn wohl sowieso nicht gefunden.

Mehr oder weniger erfolgreich beladen ging ich zu Raoulando, der sich vorbildlich benahm und die Leidende gebührend betüttelte. Besonders dankbar bin ich dafür, dass er den Kampf mit dem Pizzateig aufnahm. Das hätte mir den Rest gegeben, das eklig klebrige Ding überall an mir zu haben. Ich habe in solchen Situationen meist sehr lebhafte Horrorfilmvisionen, bei denen jemand von einer klebrigen Masse überwältigt und dann erstickt wird. Und ab dafür, rüber über den Styx. Normalerweise sind dies Horrorfilme á la Scary Movie, aber gestern wäre es ein Hitchcock oder ein Peter Jackson im Stil seiner frühen Splatterfilme gewesen. Naja, lecker, lecker Pizza, weiter betüttelt und dann ab ins Bett, Gesundheitsschlaf. Auf dem Weg dorthin musste ich am Thermostat der Heizungsanlage vorbei. Die „23” hat mich schwer erschreckt. Oh Gott, schon so spät, wieder nicht ausreichend Schlaf. Gott sei Dank dämmerte mir recht schnell, dass die „°C” keine Maßeinheit für Zeit sind. Was im Bad noch alles passiert ist, davon fang ich mal gar nicht erst an.

Heute ist schon fast alles besser. Zumindest kann ich von meinem Ufer des Styx aus bereits die Welt der Lebenden sehen.


1 Kommentar:

  1. Hier sitzte ich einsam im Redaktionsbüro und lausche der Aufzeichnung... Da lese ich die erschreckende Nachricht deiner laufenden Nase. Ich hoffe, inzwischen ist alles wieder besser, um nicht zu sagen gut!

    AntwortenLöschen