23. Januar 2007

Rot werden für Fortgeschrittene

Vorgestern abend komme ich nach einem erholsamen Wochenende bei meinen Eltern südlich der Kaiserstad in eben diese zurück und will schnell noch die Wohnung anhübschen bevor Raoulando kommt. Dabei stelle ich fest, dass ich schon lange nicht mehr Teil 2 seines Geburtstagsgeschenkepakets genutzt habe, die schöne Edelstahlthermoskanne 0,3l, die genau die Teemenge aufnehmen kann, die ich auf meiner Zugfahrt trinke, wenn ich morgens in den Norden fahre. Da ich im Moment aber ja Papas Kanzlerkarre nutzen kann, die keinen Becherhalter hat, steht die Kanne meist im Schrank. Ich denke so bei mir, dass ich mich doch mal auf die kalte Jahreszeit vorbereiten könnte und die Kanne doch wieder in meinen morgendlichen Arbeitsanfahrtsplan einarbeiten sollte. Wer steht schon gerne im Glatteisstau ohne ein warmes Getränk in der Nähe?

Ich will also besagte Kanne schon mal auf der Küchenplatte parat stellen, damit ich sie morgens gleich sehe und nicht vergesse. Die Kanne parat zu stellen ist auch nicht so das Problem, aber wo ist der Deckel? Ich fang mal läppsch an zu suchen, nichts zu sehen auf den ersten Blick. Auch der zweite und dritte Blick bleiben erfolglos.

Langsam werde ich unruhig. Für eine Fanatische (nicht zu verwechseln mit Phantastische versteht sich), die ihre Kontrollsucht und ihren Perfektionismus schon therapeutisch behandeln ließ, ist das nicht so einfach zu verkraften, wenn etwas nicht am Platz ist. Und schlimm wird es, wenn Raoulandos Geschenk nur noch teilweise da ist. Oder ist es gar ein perfider Plan von Raoulando, der mich so testen will? Wie lange es wohl dauert, bis mir auffällt, dass ich sein Geschenk nicht mehr nutzen kann? Wie sehr ich das Geschenk schätze? Wie sehr ich ihn liebe? Dass ich mich schnell in Überlegungen hineinsteigern kann, brauch ich nicht zu erwähnen. Auch bei Krankheiten neige ich übrigens zur wahren Hypochondrie und ein einfacher Kopfschmerz kann dann schnell zum Tumor werden!

Systematisch werden alle Küchenschränke untersucht. Als ich alle einmal durchgeschaut habe, steigt dann doch ein sehr ungutes Gefühl in der Magengegend auf. Keine Kinderpanik sondern eine ausgewachsene Notstandspanik, so wie wenn man morgens um halb sieben feststellt, dass keine Milch für den Kaffee da ist. Oder kein Kaffee. Oder wenn es in Strömen regnet und orkanartige Sturmböen durchs Land fegen und man versehentlich das letzte Stück Schokolade ohne gebührende Würdigung gegessen hat. Es ist die Angst vor dem Beichten. Dschingis Khans Rache ist sicher nichts gegen Raoulandos Reaktion. Dschingis Khans Rache ist wie der Robinson Club unter den Urlauben. Nicht sehr anstrengend und Kinder können abgegeben werden. Aber Raoulando? Überlebenstraining mit Heuschrecken als Vorspeise, den Hauptgang verdränge ich. An dieser Stelle weise ich noch einmal auf die Hypochondrie hin.

Alle Tassen und Gläser werden systematisch umgestülpt, alle Teller verrückt, auch Kühlschrank, Kleiderschrank, Schuhschrank, Bücherregale und Schreibtisch werden einer eingehenden Prüfung unterzogen. Nichts.

Es klingelt an der Tür. Im gleichen Augenblick wird ein Schlüssel ins Schlüsselloch gesteckt und gedreht. Wie paralysiert stehe ich da und entschließe mich direkt und ohne Umwege zu beichten. Natürlich mit Hundeblick und weinerlicher Stimme, kann nie schaden.

Er guckt mich verwirrt an, geht zum Küchenschrank und greift scheinbar wahllos hinein, genau neben die Stelle an der die Kanne stand. Und was hat er in der Hand? Den Deckel der Thermoskanne, den ich schön auf einen kleinen Stapel von Gewürzdosen gestellt hatte, weil sonst kein Platz für ihn war. In Augenhöhe. Ich habe ungefähr siebzehnmal davor gestanden und alles drumherum verschoben und verrückt. Mir bleibt nichts anderes übrig als in ein hysterisches Lachcrescendo zu fallen.

Wer mich kennt, kann ziemlich genau erahnen, wir rot ich in diesem Moment anlaufe!

1 Kommentar:

  1. Das zeugt nur von einem schlechten Gewissen...

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