27. Januar 2009

Wie ich mich nur bedingt darüber freue, eine Telefonnummer auf einem Bierdeckel zu bekommen...

Wir sitzen also schön in Mitte im Sophieneck und verdauen bei einem Glas Fassbrause. Lecker wars bei Euch, Sophieneckler.

Da kommt ein mittelalter Mann auf uns zugeschnauft, dessen Fortbewegung ungefähr so abläuft: Linke Hand auf Stuhllehne, rechtes Bein einen Schritt vor, rechte Hand auf Stuhllehne, linkes Bein einen Schritt vor. Schnaufen und dann abgekämpft das Ziel anvisieren. Und von vorne. Betrunken ist er nicht, eher hüft-, rücken-, bein-, herz- und lungenkrank. Wären wir auf einem Luxusliner am Kap Horn, würde ich mich nicht unbedingt wundern über seinen schlingernden Gehstil, wohl aber über das nicht ganz zum Luxusliner-Ambiente passende Äußere des Mannes.

Ich will mich nicht über ihn lustig machen, weil er krank ist, sondern nur das Bizarre der Situation erzählen. Also weiterlesen und nicht schimpfen.

Auf dem Weg von der Toilette zurück muss er wieder an unserem Tisch vorbei und wir stehen wieder artig auf und lassen ihn durch.

Kurz danach kommt er mit seinem Rollator an uns vorbei, bedankt sich artig bei Micky, der ständig für ihn aufstehen muss, und fragt nach seinem Sternzeichen. Da sein Geburtstag nur einen Tag nach dem von Peter Paul Rubens liegt, der wie wir erfahren ja dann und dann geboren wurde, in da und da, Eltern waren ja Diplomaten, verspricht er, ihm ein Horoskop zu erstellen. Ob wir ihm sein Getränk von der Bar holen könnten. Uns wundert jetzt gar nichts mehr, es ist ein bisschen als befände man sich in einem Horrorfilm und würde in den Keller gehen, obwohl man doch weiß, dass man nicht in den Keller gehen sollte. In den Keller ohne Licht und mit nur einer Tür, die meistens klemmt.

Die Kellnerin bringt ihm sein Getränk mit Strohhalm und fragt gestikulierend hinter seinem Rücken, ob das für uns ok wäre. Aber fürs Fegefeuerpunktekonto tun wir fast alles.

Dieter-Paul, den Namen hat die Redaktion fast geändert, schreibt in riesigen schwungvollen Buchstaben SKORPION auf ein DINA4-Blatt und fängt an, die einzelnen Buchstaben zu verzieren und zu Tierköpfen umzuarbeiten. Es dauert ganz schön lange und in der Zwischenzeit lernen wir alle Details seines Lebens, die uns bisher nie interessiert haben, und auch einiges über das chinesische Horoskop im Allgemeinen und Feuerpferde im Besonderen.

Irgendwann ist er fertig und legt Micky das Horoskop vor.

Micky starrt es an und hebt dann fragend den Blick: „Und was soll mir das jetzt sagen?“

Dieter-Paul: „Also für die Interpretation musst Du schon selber sorgen, ich hab nur gemalt!“

Ah ja.

Er blickt Beifall heischend in die Runde und interessiert sich plötzlich brennend dafür, dass ich ohne Mann da bin. Wir interessieren uns hingegen brennend für die U-Bahn, die sicher bald fährt und die wir ganz bestimmt nehmen müssen. Sonst droht Weltuntergang oder Schlimmeres.

Dieter-Paul wird hektisch als wir aufstehen und schreibt mir schnell seinen Namen und seine Telefonnummer auf einen Bierdeckel. Ich soll ihn anrufen, dann lädt er mich zu seiner Geburtstagsfeier ein.

Dieter-Paul wohnt gegenüber vom Sophieneck in der Psychatrie und ich weiß nicht, ob das die Nummer seines behandelnden Arztes oder der Station an sich ist. Ich werde es wohl auch nicht ausprobieren. Aber immerhin, ich habe eine Telefonnummer von einem Mann bekommen. Wenn ich das ohne weitere Details erzähle, klingt es nicht schlecht, oder?

Der geek sagt, in meinem Alter müsse ich nehmen was kommt, da könne ich nicht mehr wählerisch sein. Der geek ist frech.

Stay tuned: Nein, für einen Euro gibt es kein goldenes Toilettenpapier.

Kommentare:

  1. Wow! Respekt! So viel Text in 60 Sekunden zu schreiben...krass!

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  2. Wenn ich verrate, dass man einen Veröffentlichungszeitpunkt festlegen kann, dann wirke ich nicht mehr so heldinnenhaft schnell, oder?

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