12. August 2009

Nähanleitung für Anfänger
Niederlagen reizen mich doch nur

Mitten während der Kommentarmisere von neulich entschied ich mich, mal was Sinnvolles weit weg vom Rechner zu tun. Leider verbringe ich dort nämlich momentan zuviel Zeit. Ich entschied mich fürs: Nähen.

Nun gut, ich will alles nähen und zwar sofort. Das Internet bietet mir erstmal eine Vielzahl interessanter Glossarseiten, Tutorials und weiterer Annehmlichkeiten, aber ich will ja nicht vor dem Rechner sitzen. Also guck ich mal in den örtlichen Zeitschriftenladen.

Seit dem 25. Juli heißt burda fashion nun burda style. Klar, die muss ich dann ja mal kaufen. Schließlich kann ich schon so gut Gardinen (Rechtecke) und Tischdecken (Rechtecke) nähen, dass ich mich ruhig mal weiter vor wagen kann (verschiedene Rechtecke aneinander).

Leicht gemacht wird einem die Entscheidung über den Kauf des Magazins durch die wirklich schönen Modelle, die in der momentanen Ausgabe drin sind. Ja, ein Trenchcoat scheint ein waghalsiges Unterfangen zu sein, aber man wächst auch nur an Herausforderungen. Was Calli kann...

Der Schnittmusterbogen irritiert schon mal damit, dass es sich um ein beidseitig bedrucktes, riesiges Papier handelt, welches aber Schnittmusterbögen A-D enthalten soll. Auf allen vier Seiten bedruckt, ist klar. Wie man was wo findet ist aber einleuchtend erklärt und ich kann die richten Teile abpausen und die ausgeschnittenen Muster dann auf den Stoff heften. Mit ein bisschen falschem Zuschneiden Denken findet man auch schnell raus, dass man die Richtung der Streifen VOR dem Zuschneiden überdenken sollte.

Ich hab mich übrigens gegen den Trenchcoat und für das luftige V-Ausschnitt-Shirt mit Tunnelzug entschieden. Dass das ein Fehler ist, kommt erst später ans Licht. Ja, man könnte einwerfen, dass mir Tunnelzug-Modelle per se nicht passen, außer wenn alle Welt das bisher falsch verstanden hat und der Tunnelzug doch wirklich ÜBER der Brust verlaufen soll. Aber wer hört schon auf die innere Stimme, wenn die andere innere Stimme HABEN, HABEN, HABEN ruft?

Um ja nichts falsch zu machen und den Anweisungen auch richtig zu folgen, beginnt erstmal eine umfassende Körpervermessung und ich muss sagen, das Ergebnis stimmt mich immer noch froh. Zumindest wenn ich mir einrede, dass deren Zahl eigentlich eine andere Zahl meint, aber im Prinzip bin ich anscheinend proportional gebaut, wenn man mal von einer offensichtlich in einer anderen Kleidergröße untergebrachten physikalischen Größe mal absieht. Und die ist wenigstens eine, über die der geek sich freut. Meine innere Unzufriedenheit über die angeblich passende Kleidergröße ignorierend wende ich mich dem Stoff zu.

Zuschneiden und los. Ich soll was steppen. Häh? Ich will doch nähen? Warum nennt man das dann nicht so? Weiß ich bis jetzt noch nicht, aber Steppen bedeutet im Fachjargon Nähen. Nur so unter uns Anfängern. Die Investition in Nähen für Dummies würde sich lohnen. Bis ich das habe, visualisiere ich und benutze meinen Menschenverstand. Und weibliche Logik, die hilft am meisten.

Dann tu ich so als würde ich steppen obwohl ich heimlich nähe und verzweifle schnell am "Halsausschnitt mit Schrägband einfassen". Das war in der Anleitung deutlich ausführlicher und mit mehr Worten ausgedrückt, aber der genaue Wortlaut wurde aus überlebenstechnischen Gründen von meinem Unterbewusstsein ausgeblendet. Unglaublich, das ist eine Sprache für sich und sollte an der RWTH im Bereich Angewandte Sprachwissenschaften untersucht werden. Auch das Knopfloch an der angeblich eingezeichneten Stelle als Durchzugloch nähen verwirrt mich kurz, bis ich kreativ eine Lösung dafür finde.

So, das Ding ist fertig. Und bis zum Schluss verfolgte mich das Größenunbehagen, welches sich jetzt schallend lachend am Boden wälzt.

Liebes burda-style-Team,

ich bin allen Euren Angaben so gut es ging gefolgt. Ich habe sogar die Schnitte abgepaust und auf den Stoff gemalt und dabei fünfmal geguckt, ob ich alles richtig gemacht habe. Das Nähen, Entschuldigung, Steppen hat mich fünf Lebensjahre und 36 ehemals braune Haare gekostet, die nun weiß und dünn an meinem Kopf hängen. Und jetzt steh ich hier und habe ein Stück Bekleidung in der Hand, welches ich niemals in der Öffentlichkeit tragen werde. Zum einen weil die viele Luft, die sich zwischen dem Vorderteil und meinem Bauch ansammeln kann, weil ich ja gar nicht schwanger bin, verwirrt und zum anderen, weil der Tunnelzug nicht UNTER der Brust verläuft. Mein Fehler, das letzte, aber trotzdem. Auch bei der richtigen Umfangzahl käme das nicht ganz so hin wie versprochen.

Dieses Modell ist nicht mit "wenig Näherfahrung/braucht wenig Zeit" zu fertigen. Man braucht sehr wohl Näherfahrung und auch Zeit und vor allem starke Nerven. Und einen anderen Körper, dessen Maßzahlen sich nicht an am Markt erhältlichen Kleidergrößen orientiert, sondern an Eurem Wunschkonzert. Ich für meinen Teil habe gelernt: vertraue darauf, dass Du eine gute 36 bist, auch wenn burda Dich eines Besseren belehren will. Selbstbewusstsein ist eine Tugend.

Aber ich gebe nicht auf. Im Herbst, wenn die Wochenenden lang und grau und verregnet sind, da schick ich den geek zur Spielgruppe und buche einen Nähkurs. So. Und dann könnt Ihr Euch mal warm anziehen. Mit diesen entzückenden Kleidungsstücken, die Ihr so lockend zum Nachnähen anbietet.

1 Kommentar:

  1. Oh je, ich verstehe diese Anleitungen auch nie, zum Glück hilft mir meine Mum immer super.
    Liebe Grüße,
    Anneke

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