26. November 2010

Dreist schüttelt Hände

Irgendwie wussten der geek und ich gestern nichts mit uns anzufangen, so dass wir kurzentschlossen Richtung Krönungssaal des Rathauses der Kaiserstadt liefen, um den vom Amerika Haus NRW angebotenen vor Wochen im Kalender eingetragenen und zu dem vor Tagen schriftlich angemeldeten Vortrag des deutschen Botschafters in Amerika zu hören. Dr. Scharioth war so freundlich uns und ca. 400 anderen Interessierten seine Sicht auf die Auswirkungen der Mid-Term Elections in the USA darzulegen. Eigentlich wollte er wohl nur mal den Aachener Weihnachtsmarkt besuchen, aber das sieht in der Reisekostenabrechnung so unpolitisch aus, nehme ich an.

Damit überhaupt jemand den Weihnachtsmarkt besucht, haben wir uns vorher zuerst an das Kinderkarussel gestellt, dann Reibekuchen mit Apfelmus verdrückt und den beruflichen Alltag mit Glühwein vergessen. Beim Glühweintrinken neben der Rathaustreppe fiel direkt auf, dass wir a) noch zu viele Haare auf dem Kopf haben, die b) nicht grau genug sind um uns als klassische Hörer eines solchen Vortrags zu qualifizieren. Doch mutig geht die Welt zugrunde und wir die Treppe rauf ins Rathaus hinein. Ohne Glühwein.

Im Rathaus wurden erstmal unsere Namen mit der Gästeliste abgeglichen. Ich war innerlich ziemlich ruhig, denn auch wenn ich meine E-Mail-Adresse angegeben hatte, so war ich mir sicher, dass nichts terrorverdächtiges oder antiamerikanisches während einer Durchsuchung in unserer Abwesenheit zur Beunruhigung hätte führen können. Vorher hatte ich aber doch ein sehr amerikanisches Buch auf dem Nachttisch drapiert. Sicher ist sicher.

Unser Name stand dann aber gar nicht auf der Gästeliste, was mich auch jetzt noch beunruhigt, denn anstatt eines verzerrten Buchstabensalats musste man das - selbst errechnete - Ergebnis einer mathematischen Gleichung eingeben, um das Webformular ausgefüllt absenden zu können. Habe ich bei der Addition einstelliger natürlicher Zahlen versagt? Breiten wir den Mantel des Vergessens über diese Angelegenheit.

Im Krönungssaal traf ich nicht nur auf meinen ehemaligen Doktorvater, dem ich durch einfaches nicht wieder zurückmelden als Student ja auch nur durch die Blume ausgerichtet habe, dass die Doktorarbeit eher weniger intensiv verfolgt wird, sondern auch auf Menschen die sich eher an unserer Altersklasse - jung und gutaussehend - orienterten als an den Merkmalen a) und b) von weiter oben. Sehr beruhigend war es.

Der Vortrag Dr. Scharioths war äußerst gut, ich hätte ihm gerne noch länger zugehört. Vielleicht war ich aber auch nur so erleichtert, dass er als professioneller Redenschwinger das Tempo an den Zuhörern ausrichtete und nicht, wie der Vorsitzende des Fördervereins der Wirtschaftswissenschaften, an seinem eigenen Schnellsprechvermögen. Als Dolmetscher hätte ich diesem sicher gerne das Lebenslicht ausgepustet oder den Stecker des Mikros gezogen.

Nach dem Vortrag gab es eine kurze Podiumsdiskussion mit anschließender Möglichkeit, Fragen zu stellen und dann kamen wir zum Kernstück dieses Blog-Posts. Puha.

Die Veranstaltung endete mit einem Umtrunk. Nachdem der geek und ich erfolgreich die Mini-Christstollen von allen Tablett gegessen und mit Bier heruntergespült hatten, fand ich dass es Zeit wäre, den Herrn Botschafter persönlich kennenzulernen. Woraufhin der geek fand dass es Zeit wäre, meine Bekanntschaft rückgängig zu machen. Ich machte mich also mit Mutter Courage als Begleitung auf den Weg nach vorne zum Podium, wo er umringt von allerlei wichtigen Menschen plauderte. Übrigens fällt man ja direkt vor einem Menschen stehend eher auf, als hinten rechts hinter größeren Menschen oder gar Deckenpfeilern. Wenn vor besagtem Menschen zwei seiner Gesprächspartner stehen, dann stellt man sich am besten direkt dazwischen, ein bisschen verrückt nach hinten, denn dann fällt man irgendwann die Blickrichtung desjenigen, den man nicht unhöflich im Gespräch unterbrechen möchte, auf einen selbst.

Hat gut funktioniert, dauerte aber doch ein wenig, weil es anscheinend Freunde oder zumindest gute Bekannte waren, die er in Amerika lebend ja doch nicht andauernd zu Gesicht bekommt. So erfuhr ich aber allerlei über mir unbekannte Dritte, was die so machen, wo die jetzt so wohnen und so weiter. Interessant, aber nicht meinem Plan zuträglich.

Irgendwann war dem vor ihm stehenden Mann allerdings ein wenig unangenehm, dass ich schweigend lächelnd und inzwischen mit vor Angst vor der eigenen Courage hochrotem Kopf hinter ihm stand. Er drehte sich also um und fragte auf Englisch, ob ich vorhin Frage XY gestellt hätte. Nein, das war die Frau, die mir gänzlich unähnlich sieht, aber egal. ICH WAR IM GESPRÄCH. Und konnte kurz darauf auch meine Frage stellen.

Denn als Domführer muss man doch darauf achten, dass hohe Besucher der Bürgerschaft, wie der Oberbürgermeister es so schön ausgedrück hatte, auch die wirklich wichtigen Gebäude der Stadt besuchen dürfen.

Meine Frage, ob er denn schon den Dom besichtigt hätte, brachte den armen Herrn Botschafter aber nun so aus dem Konzept, dass er sichtlich verwirrt aber doch hochdiplomatisch abwiegelte und Unwissenheit ob des zur Verfügung stehenden Zeitfensters vorschützte. Was mich in Bedrängnis brachte, da ich ja nicht einfach mitten in der Nacht jemandem den Dom zeigen kann und wenn jetzt seine Terminplaner ein Zeitfenster entdeckt hätten, dann hätte ich ganz schön dumm da gestanden. Die Podiumsdiskussionsleiter von WDR war allerdings höchst amüsiert.

Wir haben uns dann schnell darauf geeinigt, dass man das ja auch beim nächsten Mal machen könnte. Liebe Aachener, wenn er nun nie wieder in die Kaiserstadt kommt: meine Schuld.

Anschließend fand ich den geek in einer hinteren Reihe sitzend, mit gesenktem Kopf, folgendes Mantra murmlend: Diese Frau kenne ich nicht. Diese Frau kenne ich nicht.

Komisch, dass er wildfremde Frauen bereitwillig mit nach Hause nimmt. Das muss ich untersuchen.

Kommentare:

  1. Lass mich das noch mal kurz verstehen: Du hattest eigentlich keinen Plan und eine richtige Frage auch nicht :)?!

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  2. Es ist wirklich für Fortgeschrittene, eine Frage zu stellen, die innerhalb von Sekunden mit "ja" oder "nein" beantwortet werden kann!
    Chapeau, Frau Basmati!

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  3. Hihi, lustig.

    Ich habe eine steile Kariere als diplomaten"mordende" Begleiterin hinter mir. Die ersten Schritte auf dem Parkett habe ich mit 21 Jahren gemacht, denn ich wollte den noch nicht Ehemann zu ebendiesem machen und wäre mithin potentielle mitreisende Ehefrau. Der Herr Botschafter musste mich also besichtigen, ob ich denn tauglich wäre, schließlich hatte er mit medizinischem "Personal" so seine schlechten Erfahrungen gemacht. Lange Rede kurzer Sinn. Er war der erste von einigen Diplomaten und Politikern, die an mir scheiterten. Ich war in dieser Beziehung schon immer angstfrei. Und in der Tat ist ihnen ihr frischer Nachwuchs abhanden gekommen, kurz nachdem er mit mir verheiratet war.

    Keine Angst vor "hohen" Tieren. Die sind meist ganz nett aber ohne ihre Zeittaktgeber nicht alltagstauglich. Und wann kann man sonst schon mal ein paar Worte mit Herrn Scharioth wechseln, und seien es auch belanglose.

    Grüße! N.

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  4. Du wolltest den Herren durch den Dom führen? Ihm hätt's sicher gefallen :)
    Liebe Grüße
    mona

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