16. Februar 2011

Schnaufend

kommt der Mann in mein morgendliches Zugabteil und lässt sich schnaufend in ein freies Department fallen. Schnaufend nimmt er nach einigen Sekunden endlich seinen Fahrradhelm ab, denn das Fahrrad steht wahrscheinlich VOR dem Bahnhof und somit hatte er schon ausreichend Zeit, den Helm abzunehmen. Menschen mit Helm, aber ohne passendes Gefährt, sind mir suspekt. Besonders Motorradfahrer, die zum Beispiel beim Bäcker durch das immerhin geöffnete Visier 10 Mohnbrötchen bestellen.

Nach einigem Schnaufen - der Zug fährt noch lange nicht ab, es gab keinen ersichtlichen Grund für ein morgendliches Olympiarennen gegen die Uhr - und ermattetem aus-dem-Fenster-blicken wird erst schnaufen der Helm vom Kopf gezogen und dann schnaufend der Schal vom Hals gewickelt. Schnaufend wird die Jacke ausgezogen. Schnaufend wird der Pullover ausgezogen.

Mir wird es langsam unheimlich, wer weiß wieviele Schichten mich noch vom Bauarbeiterdekollete trennen?

Schnaufend geht es weiter, denn man beugt sich nun vor und knotet die Schnürsenkel auf. Und zieht die Füße aus den Schuhen. Socken bleiben zum Glück zwischen mir und der Käsetheke, aber das umsockte Käsepaket landet nun auf dem Sitz ihm gegenüber. Immerhin ohne Schuhe, dankbar nimmt man was man krigen kann.

20 Minuten später bin ich zwar im Zielbahnhof angekommen, aber nicht wirklicht weiter gekommen mit meinem Buch. Immerhin hatte er Zeit Luft zu holen und hörte mit dem Schnaufen auf. Bei seinem Buch kam er allerdings um einige Seiten weiter. Das weiß ich, weil ich ihn ein ganz kleines bisschen aus dem Augenwinkel heimlich im Blick behalten habe. Frau muss auf sich selbst aufpassen heutzutage. Wieviele Seiten, das weiß ich nicht,  weil er das Buch nie aus dem Rucksack nahm. Ja, es wurde im Rucksack aufgeschlagen, umgeschlagen Frevel und gelesen.

Für manche Menschen ist das Leben halt anstrengender.

Und nein, den Helm hat er vor dem Aussteigen nicht wieder aufgesetzt.

Kommentare:

  1. Wie langweilig ein Leben ohne Bahnfahren wäre.

    Den Typ stell ich mir wirklich ekelig vor *würg*

    Lieben Gruß,
    Anja

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  2. Und nochmal, ich bleibe beim Auto. Den Luxus gönn ich mir. Tür zu und endlich allein. Andererseits scheine ich eine Menge zu verpassen.

    Grüße! N.

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