17. Mai 2011

Der Zug verspätet sich, weil davor ein anderer Zug fährt

Mein morgendlicher Weg zur Arbeit ist zeittechnisch wie in Stein gemeißelt, zumindest was die Bahn angeht. Der Zug um 6:53 Uhr fährt. Jeden Tag. Außer einmal in den letzten 6 Monaten, weil Schnee lag und er nicht durchkam. War nicht schlimm, weil ich dann noch eine Zeitung, Kaffee und Brötchen besorgen konnte.

Aber sonst: immer. Außer ich bin nicht da, weil ich nicht früh genug aus dem Bett kam oder von Aliens entführt wurde oder sonstige allgemeingültige Entschuldigungen hatte. Dann weiß ich nicht, ob er fährt, weil ich ja nicht durch Mauern gucken kann. Oder meine geschlossenen Lider.

Wie dem auch sei, heute also im Abteil um 6:48 Uhr. (Ich bin gerne zeitig da.) Ich stelle den Cappuccino ab, lege mein Gepäck um mich herum, öffne alle Fenster zum ordentlich Durchlüften, breite meine Jacke auf dem gegenüberliegenden Sitz aus und entlaste den unteren Rücken durch Hochlegen der Beine, selbstredend auf meine Jacke, was für ein Schmutzfink bin ich denn.

Dann: Knacken im Lautsprecher. Unser Zug wird ein wenig später abfahren, weil vor uns gerade ein Zug mit genau der gleichen Strecke abgefahren ist, der uns behindern wird.

Was bitte soll ich denn mit dieser Information? Fahren nicht immer Züge vor einem her? Auch schon mal in die gleiche Richtung und immer zur gleichen Zeit?

Als wir dann um 6:55 Uhr den Bahnhof verlassen, bin ich vollends verwirrt, weil sich die 2 Minuten Verzögerung der Abfahrt doch nun wirklich nicht als Grund für eine Durchsage aufdrängen. Da dauert ja das Sprechen des Textes länger. Tststs, Verwirrung der Abonnenten, unfair.

Wir brausen also los, mit normaler Geschwindigkeit. Vor meinem geistigen Auge fährt vor uns ein Feuerdrachen, wie er schon anno 1856 den wilden Westen eroberte, dampfspeiend und Lärmschäden anrichtend. Vor dem würde ich mich auch in Acht nehmen, aber vor einem Regionalexpress Richtung Dortmund? Ich weiß ja nicht. Dann irgendwann doch die Bremsen. Stinkt ein bisschen, aber das nur am Rande.

Interessanterweise steigen an den kommenden Bahnsteigen all die Menschen ein, die sonst auch mit mir mitfahren. Dabei wundert es mich, dass die nicht in den früheren Zug gestiegen sind, der ja angeblich kurz vor uns fährt. Ich hätte das gemacht, hätte mir die elektronische Anzeigentafel von diesem Zug erzählt. Der frühe Vogel fängt den Wurm.

Wir fahren mit ohrenbetäubend langsamer Geschwindigkeit weiter und ich bin fasziniert, was es da so alles gibt, rechts und links der Gleise, das sonst so an uns vorüber rauscht wie Michael Schumacher in seinen schnelleren Tagen. Freundlicherweise halten wir abwechselnd mitten auf dem Land und kurz vor den Bahnhöfen, wo der feuerspeiende Drache den Weg versperrt.

Moment. Wurden nicht früher mal Weichen genutzt, um das von einem Zug genutzte Gleis zu ändern? Wäre es da nicht denkbar, in einem technisch versierten Zeitalter wie das, in dem wir leben, dass man besagte Weichen nutzt, um meinen Zug am verspäteten Regionalexpress vorbeizuführen? Ich hätte da schon ein paar Ideen, wie die Welt verbessert werden könnte.

Pünktlich gegen Ende meines Frühstücksbrotes kommen wir in der Wallachei nördlich der Kaiserstadt an.

Und die Moral von der Geschicht: Schalt mal einen Gang zurück und staune über das, was Dir sonst entgeht. Sonst wirst Du nämlich niemals wissen, dass neben dem roten Schwedenhaus mit ebenso rotem Pferdestall auch ein alter Pferdestall steht, der sonst hinter den Bäumen gar nicht auffällt, nun aber zur Idylle mit der blauen Bank beiträgt. Tja.

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