28. Juni 2011

Anerkennung für die Deutsche Bahn

Was die sich nicht alles einfallen lassen...

Als Standardarbeitnehmer bin ich tagsüber ja nicht da, wo andere im Sonnenschein den Eisbecher in Angriff nehmen. Und da hat sich die Bahn, da der Sommer ja morgen schon wieder vorbei sein soll, mal was Feines ausgedacht:

Ich bin mir nich sicher, ob das auch schon zum Plan dazugehört, aber ich war heute morgen so zeitig dran, dass ich auf dem Weg zum Bahnhof ruhigen Gewissens den Schlenker über den Cappuccinodealer der Wahl machen konnte.

Spätestens hier macht sich aber der heldenhafte und keine Mühen scheuende Einsatz der Bahn bemerkbar: Ohne auffällige Spuren zuhinterlassen, hatte man die übliche Menschenansammlung durch geschickte Verkehrsführung - so nehme ich an - am Schlangestehen vor der Bäckerei gehindert, so dass ich ruhigen Gewissens mein Begehr äußern und Schekel in Koffein wechseln konnte.

Mit dem besonders heißen Kaffee und einer schützenden Serviette in der Hand - der musste nämlich, wie sich später herausstellte, noch eine Weile länger warm halten als sonst - begab ich mich nun an der just in diesem Moment grün werdenden Fußgängerampel hinüber zum Haupteingang. Dort erwartete mich eine Informationsflut der Extraklasse. Nicht nur, dass bereits vor dem Haupteingang des Bahnhofs diverse mir leider unbekannte Menschen, die ich sonst dankbar erwähnen würde, lautstark äußerten, dass keine Züge fahren würden, NEIN, auch im Bahnhof selbst verkündete die Anzeigetafel in großen Lettern, dass man ein ganzes Stellwerk lahmgelegt hatte für den Plan der Pläne.

Das nenn ich mal Aufwand.

Irgendwie hatte es die Bahn geschafft, während der wenigen Minuten die ich in der Bahnhofsvorhallte verharrte bereits eine beachtliche Menge völlig normal scheinender Berufspendler zu rekrutieren, die sich nun Wut und Mobstimmung heuchelnd um einen Bahnbediensteten, weithin erkennbar an der roten Schaffnermütze, drängelte. Man wollte mich wohl freundlich davon abhalten, auf den Schienenersatzverkehr zu warten, denn entweder ich würde von einem der Anzug tragenden Statisten unter den erstbesten Ersatzbus geschubst oder mit mit Ellbogen einer berockten Beamtin konfrontiert werden. Beides keine schönen Aussichten.

Ich ließ den Mob also Mob sein und wandte mich gen Bushaltestelle, denn der Bahnbedienstete mit der roten Schaffnermütze hatte mich freundlich - wirklich! spätestens da hätte ich misstrauisch werden sollen - darauf hingewiesen, dass die Züge ab West oder Stolberg ja fahren würden. Nur der Großraum Hbf wäre betroffen.

Geschickt: zuviel Aufschneiderei wäre ja auch auffällig und ich hätte den Braten riechen können.

Nach wenigen Sekunden - logistische Verkehrslenkungsleistung nenn ich das - kam prompt der richtige Bus, der mich ohne lästiges Umsteigen gen funktionierendem Bahnhof brachte. Und dies fast ohne rote Ampeln oder sonstige Berufsverkehr bedingte Hindernisse.

Da der angeheurte Mob noch nicht an West angekommen war - hier erkennt man dann doch, dass die Bahn noch nicht ganz Fuß gefasst hat im Eventveranstaltungsbereich - konnte ich ungehindert das richtige Gleis erreichen und mich auf einer dank des fehlenden Mobs - und vielleicht war der fehlende Mob also doch Teil des Plans - noch freien Bank mit meinem Kaffee im morgendlichen Sonnenschein baden. Für immerhin 30 Minuten, dann fuhr der erste reguläre Zug in meine Richtung.

Ohne die Bahn hätte ich dieses Sonnenbad mit Lieblingscappuccino nie genießen können, denn wer nimmt sich in diesen schnellen und hektischen Zeiten schon die Zeit dafür? Was sie der Spaß gekostet hat, wage ich gar nicht zu kalkulieren: Stellwerkschadentheater, aufgebrachte Pendler, Statisten die als aufgebrachte Pendler getarnt den wütenden Mob mimen, die Fußgängerampelschaltung und Aseagfahrplankoordination...

Ich bedanke mich also an dieser Stelle aufrichtig bei der Deutschen Bahn für eine Meisterleistung der Kundentäuschung zu meinem Wohl. Dieser Aufwand, diese Arbeit, nur wegen dem bisschen Sonne und mir. Ich fühle mich geehrt.

1 Kommentar:

  1. Vielen Dank für deine Story. Ich fühl mich nicht mehr so alleine. Ausserdem sollte ich mir auch ein Label "Bahn" gönnen. Böse Stimmen meinen schon, ich sollte mal ein Buch über meine Erlebnisse schreiben :))))

    LG Kirsten

    AntwortenLöschen