7. Dezember 2011

Entzug

Seit einer Woche schon bin ich nicht mehr morgens die, die schlaftrunken in einen vorgewärmten Ohrensessel der Deutschen Bahn sinkt um gen Norden zu fahren. Das kam mir komisch vor und da dachte ich mir, ich könnte mal wieder mit der Bahn verreisen. Eine 24 Minuten Zugfahrt hat noch keinem geschadet.

Naives Mädchen vom Lande, ich.

Zunächst einmal stellt sich bei dem ausgewählten Zug immer die Frage, ob man denn auch richtig einsteigt, denn der vordere Zugteil fährt nur die Hälfte der Strecke dahin, wo ich hin will, so dass es schon wichtig ist, in den richtigen Zugteil einzusteigen. Achtmaliges Fahrplanchecken überzeugt mich aber letztendlich davon, dass der hintere Zugteil der richtige wäre. Erste Hürde erfolgreich genommen.

Hürde Nr. 2: die Abfahrtszeit. Mir wurde 10:02 Uhr versprochen, was mir aßerordentlich gut gefällt, schließlich ist der Hautartz-Schnippeltermin um 8 Uhr, da sollte also noch ein zweites Frühstück passen.

Sollte. Aber wenn der Termin um 8 Uhr, heißt dass ja nicht unbedingt, dass man vor 9 Uhr dran ist. Also kein zweites Frühstück, aber immerhin ein Kakao auf die Hand von den goldenen Bögen.

Um kurz vor 10:02 Uhr teilt man mir freundlich mit, dass sich der Zug um ca. 5 Minuten verspäten würde. Ich nehme das als Fingerzeig Gottes, dass ich die Zeitschriftenabteilung der Bahnhofsbuchhandlung einer gründlichen Überprüfung unterziehen soll. Wer wäre ich, sperrte ich mich gegen das Schicksal?

Die Anzeige auf dem Bahnsteig informiert um kurz nach 10:02 Uhr darüber, dass der Zug nun 10 bis 15 Minuten Verspätung haben wird, wegen Rangierarbeiten. Die ja oft sehr plötzlich und unvorhersehbar eintreten, wie zum Beispiel Erdbeben oder Wirbelstürme. Ich übe mich im Lächeln und harre geduldig der Dinge, die da dann doch nicht kommen, denn man kann aus 10 bis 15 Minuten ja auch direkt 20 Minuten machen.

Übrigens fährt dieser Zug alle 30 Minuten und ich bin versucht, nur aus Frack den ursprünglich anvisierten zu überspringen und nicht über Los zu ziehen bei dem Versuch, doch noch an mein Ziel zu gelangen. Das Schicksal hatte einen anderen Plan.

Es wird einem schon langweilig, wenn man weder durstig noch hungrig ist und dank einer überschaubaren Wartezeit beim Arzt auch schon alle aktuellen Zeitschriften gelesen hat. Also stehe ich doch auf dem Bahnhof, als längere Zeit nach 10:02 Uhr der Zug ankommt.

Wir erinnern uns an den Anfang der Geschichte (oder scrollen noch einmal hoch, ich bin kein Mädchen sparsamer Worte) und wissen, dass es wichtig ist, in den hinteren Zugteil zu steigen, da der vordere Zugteil ja nicht da hinfährt, wo man hin möchte. Was aber tun, wenn nur ein Zugteil am Gleis steht? Ist das dann automatisch vorne oder hinten? Ich haste irritiert ein wenig auf und ab und freue mich über die Wartungsfreudigkeit der Bahn, denn so sind alle seitlichen Displays ohne Funktion. Den Schaffner würde ich fragen, wäre einer anwesend.

Ein gelassen außerhalb des Zuges stehender Beinahefahrgast klärt mich dann auf, dass durchgesagt wurde, dass das hintere Zugteil (erinnern: meins) gleich käme, aber nicht bis dahin führe, wo ich hin will, weil die Verspätung ja jetzt schon so groß wäre. Klar, das verstehe ich.

Glück gehabt, Bahn, dass es so kalt ist, denn so fahre ich wenigstens bis dahin mit, wohin der hintere Zugteil fährt. Der Weg ist das Ziel.

Dieser Entschluss wird bereut, sobald wir die Hälfte der Strecke geschafft haben, denn ab da hagelt und gewittert es. Und ich weiß ja, dass ich am Zwischenzielbahnhof noch ein wenig auf den späteren, aber hoffentlich pünktlichen Zug warten muss. Stoische Gelassenheit ist eine Tugend, wie ich festsstelle, als ich im Hagelgewitter in einem überfüllten Notunterstand Schutz suche.

Irgendwann kommt dann auch der spätere, leider doch nicht pünktliche Zug inklusive hinterem Zugteil. Nein, das Ende der Geschichte ist hier noch nicht erreicht.

Der hintere Zugteil fährt also nun mit mir an Bord weiter in Richtung usprünglicher Zielbahnhof. Eine Durchsage lehrt mich, dass es sich bei diesem um einen Bedarfshalt handelt und dass aussteigewillige Reisende den Halteknopf betätigen sollen.

Den Halteknopf. Wer von Euch stand schon mal in einem Zug und wunderte sich darüber, was wohl der Halteknopf sein könnte? Wenn weit und breit weder ein Knopf, noch ein Schild "Halteknopf" in Sicht sind? In meiner Welt gab es bisher lediglich Züge, die an vorgesehenen Bahnhöfen anhalten und wenn man will, kann man ein- oder aussteigen, je nach Laune. Ich drücke einfach mal auf den Türaufknopf an der Tür, das ist der einzige Knopf den ich sehe.

Ob das jetzt richtig war, weiß ich nicht. Glücklicherweise standen zusteigewillige Rentner am Bahnhof, so dass der Zugführer des hinteren Zugteils von ganz alleine hielt und ich den Klauen des Schreckens entkommen konnte. Das Gewitter hatte übrigens inzwischen aufgehört mit Hagelkörnern zu schmeißen. Nur Regen kann auch mal schön sein.

Und die Moral von der Geschicht: Bahnfahren bei schlechtem Wetter ist auch nicht mehr das, was es mal war und ein Buch wäre sowieso nass geworden.

Kommentare:

  1. Autsch. Da kommen Erinnerungen hoch... nein, heute nicht. Der Tag war auch so schon blöd genug..
    Gut, dass Du es doch noch nach Hause geschafft hast!

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Dann sei mal froh, dass Wulfhild noch so komfortabel, warm und regendicht eingepackt ist.... :o)

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  4. Wär doch aber auch schlimm gewesen, wenn die Bahn jetzt auf einmal, wo du nicht mehr täglich auf sie angewiesen bist, alles richtig gemacht hätte :)!

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  5. Lustigerweise kam die Begründung "winterliche Verhältnisse" noch nicht. Die hebt sich die freundliche Lautsprecherstimme für die Gelegenheiten auf, bei denen ein pünktlicher Zug eine wirklich nette Geste wäre.
    ;-)

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  6. Halteknöpfe bei der Bahn?!?! Wo am A... der Welt treiben sie sich denn rum? Sowas kenne ich bisher (demHimmelSeiDank) noch nicht ;-)
    Liebe Grüße Fredda

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