24. Februar 2012

Anne Michaels: Fluchtstücke

Mit einem Neugeborenen im Haus sollte man sich vielleicht lieber ein wenig leichte Lektüre auf den Nachttisch legen, aber bei mir lag "Fluchtstücke", der Debutroman von Anne Michaels.


Amazon fasst das die Handlung so zusammen:
Der siebenjährige Jakob Beer wird Zeuge, wie im Zweiten Weltkrieg Deutsche seine Eltern, polnische Juden, erschlagen und seine ältere Schwester verschleppen. Er flieht und versteckt sich auf dem Gelände einer archäologischen Grabungsstätte. Dort wird er nach Tagen von einem griechischen Forscher gefunden und gerettet. In der Obhut dieses Mannes verbringt er seine Kindheit und Jugend auf einer griechischen Insel, später wandert er mit ihm nach Toronto aus. Jakob wird Autor, wird Dichter und versucht seine Erfahrungen auf diesem Wege zu verarbeiten. Die schrecklichen Bilder seiner Kindheit lassen ihn lange nicht los. Eine erste Ehe scheitert daran, und erst als reifer Mann findet er in der Beziehung zu einer jungen Frau zu einer Art innerer Ruhe.

Ein unglaublich düsterer Roman, der mich aber wegen seiner Sprache ganz unglaublich begeistert hat. Uneingeschränkte Empfehlung, wenn man sich auch mal einfach nur über grandiose Sätze freuen kann, denn in den meisten Rezensionen wird die Erzählung ganz schön verrissen. Zu düster, zu wenig Auflösung, zu viel männlicher Ich-Erzähler geschrieben von einer Autorin. Na und?

"Es gibt nichts, was ein Mensch einem anderen Menschen nicht antäte, und ebenso nichts, was er für einen anderen nicht tun könnte."

"Wenn ich erwachte, quälte mich ein Gedanke: die Möglichkeit, daß es für sie genauso schmerzlich war, erinnert zu werden, wie für mich, sie zu erinnern; daß ich meine Eltern und Bella mit meinen Rufen heimsuchte wie ein Geespenst, sie in ihre schwarzen Betten aufschreckte."

"Und das, erklärte mir Athos, ist der Grund, warum Moorleichen so heiter wirken. Nach Jahrhunderten des Schlafs kommen sie vollkommen unversehrt wieder ans Licht; so überdauern sie ihre Mörder - deren Körper längst zu Staub zerfallen sind."

"Die unsichtbaren Pfade in Athos' Geschichten sind Flüsse, die den Unregelmäßigkeiten des Landes folgen wie Tränen den Unvollkommenheiten der Haut."

"Wenn Schallwellen unendlich weit in das All hinausgehen, wo sind ihre Schreie jetzt? Irgendwo in der Galaxie stelle ich sie mir vor, wie sie ewig den Psalmen entgegentreiben."

"Der Himmel ist ein sich blähendes Tischtuch, gehalten vom Wind."

Kommentare:

  1. Hallo!
    Den habe ich vor Jahren mal gelesen und er hat mich auch absolut beeindruckt. Damals habe ich mir ganz fest vorgenommen, ihn später noch einmal zu lesen, einfach, um die Geschichte noch einmal, vielleicht in einer ganz anderen Lebenssituation, zu "erleben" und zu betrachten.
    Nun bin ich ganz begeistert, das Buch hier bei Dir wieder zu entdecken.
    Vielleicht ist ja jetzt der richtige Zeitpunkt für ein "Wiederlesen" gekommen?
    Danke für die Erinnerung, die von Dir ausgewählten Zitate sind ganz wundervoll!

    Alles Liebe,
    Shushan

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  2. Hallo!
    Ich habe das Buch schon vor vielen Jahren gelesen und es hat mich auf eine Weise berührt und schockiert, die ich kaum beschreiben kann. Ich habe beim Lesen geweint und tagelang gegrübelt und bin lange nicht darüber hinweg gekommen. Natürlich lag es auch daran, dass ich ein Sensibelchen bin, aber damals kam ich gerade von einer Reise aus Polen und der Ukraine zurück und hatte viel Unvorstellbares gesehen.
    Das Buch ist auf jeden Fall lesenswert, aber sehr, sehr schwere Kost. Ich werde es nicht nochmal lesen...
    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
    Abendstern

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  3. Hallo Frau Basmati,
    Wenn Dir schöne Sätze, ein ähnlicher Humor wie der Douglas Adams und Literatur an sich gefallen, kann ich nur herzlichst Jasper Fforde mit seinen Thursday Next Büchern empfehlen.
    Seeeehr großer Spaß!
    http://www.amazon.de/gp/product/3423212934
    Grüße aus Hamburg von
    Blonde

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