19. April 2012

Die Geschichte einer Geburt

Spoilerwarnung: am Ende wird ein Kind geboren...

Ich wollte Euch ja immer schon mal von Wulfhilds Geburt berichten. Das ist nämlich eine durchaus lohnende Geschichte. Here goes:

Nach einer durchzechten durchspielten Freitagnacht wankte ich gegen 3 Uhr ins Bett und streichelte noch einmal liebevoll das Monstrum Bäuchlein, in dem sich weiterhin die Beinchen stehts rechts in meine Seite boxten und sich scheinbar niemand auf den Weg Richtung Becken machte, denn noch am vorangegangenen Dienstag hatte die Hebamme attestiert, dass der Blötschkopf noch weit oben im Bauch herumschwimmt. Nun gut, ich tippte sowieso auf eine gemütliche Ankunft lange nach Termin. Gefühl und Intuition und so.

Kurze Zeit später, genauer gesagt um 6:50 Uhr, musste ich mal ganz dringend raus aus dem Bett und Richtung Örtchen huschen. Das chinesische TakeAway vom Vorabend wollte an die frische Luft. Um 6:59 Uhr wiederholte sich das Spiel. Auch um 7:08 Uhr und um 07:17 Uhr. Das kam mir statt chinesisch nun doch spanisch vor.

Ich beschloss, mich in der Küche niederzulassen, damit der geek seinen Schönheitsschlaf halten konnte. Das bisschen Verdauungsschwierigkeiten würde ich schon alleine wuppen. Außerdem konnte ich da hin- und herlaufen, eine Wärmflasche in den Rücken legen und vorsichtshalber doch nochmal nachlesen, was es mit den Senkwehen so auf sich hat.

Gegen Viertel vor 9 wurde aus dem 9-Minuten-Takt ein 3-Minuten-Takt und dieser mir nun wirklich zu bunt. Ich rief die weltbeste Hebamme an und entschuldigte mich wortreich für das frühe Wecken am Samstagmorgen, aber... ABER...

Wir verabredeten uns für 10:15 Uhr vor dem Kreisssaal, sie würde dann mal schauen. Der geek musste nun leider doch geweckt werden. Mit einem klitzekleinen schlechte Launchen wankte er unter die Dusche, ass ein Bütterken und versuchte tapfer, seine Augen offen zu halten während ich nun doch ein wenig hektischer atmend zwischen Küche und Wohnzimmer auf und ab lief. Und dabei dachte: Senkwehen I don't like. Unfollow sozusagen.

Um 10 Uhr machten wir uns auf den Weg zum Krankenhaus, mit Visionen von frischen Croissants, Kaffee und Tee und allerlei anderen Leckerchen des kommenden Frühstückchens. Denn wir waren fest davon überzeugt, dass man uns mit einem nachsichtigen Lächeln wieder nach Hause schicken würde. Aber Erstgebärende sind halt nervös.

Das ist übrigens der erste - und meines Wissens nach auch einzige Moment - in dem der geek von mir persönlich angeschissen wird. Eigentlich auch eher nur angeraunzt, denn auf seine Frage, ob ich mir denn sicher sei, dass wir jetzt fahren müssten, herrsche ich ihn derb an, dass er jetzt gefälligst losfahren sollte. Im Nachhinein warne ich alle werdenden Väter: fragt das nicht mitten in einer Wehe.

Vor dem Fahrstuhl schon treffen wir die weltbeste Hebamme, welche sich innerlich sofort von ihren Frühstücksträumen verabschiedet, denn Erfahrung lehrt: so sehen Gebärende aus. Meinen Wunsch nach Abbruch des Experiments wenn das wirklich erst die Senkwehen und noch lange nicht richtige Wehen sind, übergeht sie lächelnd.

Völlige Gelassenheit vermittelnd untersucht sie mich: 3 cm. Ja, das ist jetzt die Geburt.

Den Teil mit dem Einlauf erspare ich Euch, es sei nur soviel gesagt: WOW.

Zwischen den vielen WOW die jetzt folgen, haben wir zu dritt aber doch Zeit für ein paar dumme Sprüche. Und für Witze. Und für die Versicherung der weltbesten Hebamme, dass sie mir nie wieder geburtsvorbereitende Akkupunktur anbieten würde. GottseiDank habe ich ihr immer gesagt, dass sie mit ihren Nadeln dahin gehen könnte, wo der Pfeffer wächst, denn einen Beschleuniger brauche ich jetzt wirklich nicht auch noch. Und man muss ja klare Verhältnisse schaffen. Für's nächste Mal.

Bei Zentimeter 8 um 11:30 Uhr begeben wir uns in den Kreisssaal, wo einige Zeit darauf der versierte Anästhesist auftaucht. Wäre ich noch lockerflockig gewesen, hätte ich ihn mit offenen Armen empfangen, denn hey, her mit den Schmerzmitteln, dafür wurden die doch erfunden. Wäre ich durch einen Zeitsprung schon einmal an dieser Stelle gewesen und nun aus der Zukunft zurückgekehrt, hätte ich ihm allerdings gehörig in den Arsch getreten, und das kam so:

Angeschlossen an den Herztönhörer sitzt also nun eine hochschwangere Frau unter Geburt völlig enstpannt nach vorne gebeugt auf dem Bett. Geburten sind so schön romantisch. Ihr Mann sitzt in der Ecke auf einem Stuhl und weiß nicht so recht wohin mit sich, weil alle anderen beschäftigt sind und wir noch nicht den Playboy in die Krankenhaustasche getan hatten. Nur Müsliriegel und Muffins, aber Hunger scheint er nicht zu haben. Während die weltbeste Hebamme den Herztonhörer in Richtung Herz des Babys in Mutters Schoß presst, macht sich der versierte Anästhesist daran, die von ihm mitgebrachte Brünette zu beeindrucken. Und sticht erstmal ein bisschen Betäubung in Richtung Lendenwirbelsäule. Autsch, aber lächerlich im Vergleich zu dem, was die weltbeste Hebamme zeitgleich per Infusion unterdrückt. Ich schwebe. Der versierte Anästhesist legt nun den PDA-Zugang. Nun ja, er versucht es. Klappt aber nicht. Da versucht er es wieder. Klappt immer noch nicht. Wer noch nie eine PDA bekommen hat sei versichert: die Nadeln sind größer als die beim Blutabnehmen. Es tut auch mehr weh. Vorallem, wenn der versierte Anästhesist daneben schießt. Dann schießt es ins Bein. Immer diese Nerven, die nerven.

Kurzum: 7 PDA-Versuche und 2 Betäubungen später sitzt ein deutlich nervöser, schwitzender Anästhesist hinter der entspannten hochschwangeren Frau unter Geburt und stammelt, dass man doch den Dingsbums anrufen sollte, der wohnt hier in der Nähe, der wäre in 10 Minuten da. PING platzt die Fruchtblase. Es ist mittlerweile 12:32 Uhr. Das weiß ich so genau, weil wir uns das für später merken sollten. Und wenn ich mir was merken kann, dann Zahlen.

"Platzt die Fruchtblase" ist genau so, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich sitze in einer Pfütze, die weltbeste Hebamme presst den Herztonhörer in meinen Schoss, das Narkosemittel lässt nach und sie geht kurz mit dem Anästhesisten raus. Was holen. Auf Hebammisch heißt das: den versierten Anästhesisten anscheißen, dass wir keine Zeit haben, wir müssten jetzt mal ein Kind krigen. Er möge bitte weggehen. Weit weg. Tut er dann auch. Ziemlich schnell.

Wieder zurück im Kreisssaal "bettet sie mich um" auf das Geburtsbett und heißt den Arzt willkommen, der mal nach dem Rechten sehen will. Aha, die Geburt hat begonnen, wie schön. Ohne PDA? Nun gut, wird schon. Dann pressen wir mal.

Und pressen und pressen. Das ist leichter gesagt, als getan, stelle ich fest, denn wenn ich denke, dass ich hier gerade ganz doll richtige Arbeit mache und in Presse eine glatte 1 verdient hätte, höre ich doch einen entwas enttäuschten Unterton, immer wenn die Hebamme sagt, dass ich beim nächsten Mal noch mehr und länger pressen soll. Da sie drei Kinder hat, kann ich ihr nicht so richtig die Meinung dazu sagen. Ich habe übrigens die ganze Zeit die Augen zu, mir scheint ich bin ein wenig mit mir selbst beschäftigt. Der geek hält brav meine Hand und ist da. Genau richtig. Mir wird sicher immer mal wieder etwas aufmunterndes oder anweisendes zugerufen, keine Ahnung. Ich bin schließlich mit Pressen beschäftigt und mit innerlich Fluchen. Kernstück der inneren Flucherei: der versierte Anästhesist, aber das überrascht sicher keinen.

Plötzlich höre ich, wie die weltbeste Hebamme "Guck mal, der Kopf!" sagt und ich nehme das als Anweisung zu gucken. Da ist ein Kopf. Schmierig und schleimig. Und klein. Zwischen meinen Beinen. So schnell hab ich noch nie wieder von was weggeguckt. Zurück zu Augen zu, das scheint  mir sicherer.

Weil ich angeblich nicht richtig presse schlägt der Arzt vor, dass er mitdrücken könnte und legt zwischen zwei Wehen seine Hand auf meinen Bauch. Die weltbeste Hebamme guckt irritiert auf und protestiert. Eventuell schlage ich nach ihm, oder sage höflich meine Meinung dazu, ich weiß es nicht. Aber er zieht die Hand ganz schnell wieder weg. Wäre ja noch schöner, wenn hier einer auf meinem Bauch rumdrückt. Da ist mir schon genug Gedrücke anderswo, das reicht. Kann ich hier abbrechen, bitte?

Kann ich nicht. Kurz darauf lässt mich die weltbeste Hebamme aber keine Pause mehr machen zwischen den Wehen - was eventuell daran liegt, dass es fast kein dazwischen mehr gibt - und feuert mich nur noch an. Ich tu wie mir geheißen und presse presse presse presse presse presse presse presse.

Und dann ist sie da. 13:30 Uhr. Wo sie hergekommen ist, weiß ich nicht, aber für mich besteht in der Erinnerung keine Verbindung zwischen diesem Gepresse, der Aufregung und dem Ding auf meinem Bauch. Dem schleimigen, zerknautschten Ding, das ich jetzt liebhaben soll. Ich bin erstmal nur geschafft, aber schwebe auch ein wenig neben mir. Ich bin stolz auf mich, liebe den geek und staune über das, was gerade passiert ist.

Dann machen der geek und ich ein paar Witze, klopfen dumme Sprüche, staunen sie und lachen uns an. Er schneidet die Nabelschnur durch und wir sind uns sicher: das haben wir gut gemacht.

Ende der Durchsage.

Kommentare:

  1. Bei mir ist das schon über zwanzig Jahre her und ich erinnere mich immer noch genau an die Fluch- und Glückspassagen... So schön das Ganze nochmal zu lesen :o) Viel Spaß mit Wulfhild! Liebe Grüße Schweinchen Schlau

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  2. Hatte ich schon gesagt, dass ich Geburtsberichte liebe?! Sehr schön. Und solche Schoten können sich versierte Anästhesisten nur bei Gebärenden erlauben, denn die vergessen nach der Geburt auch jegliche Rachegelüste ;o)

    Lieben Gruß,
    Anja, der der Gedanke des Abbruchs sehr bekannt vorkommt!

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  3. Wunderschön geschrieben! Ich lese dich sehr gerne.

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  4. Na wuii...
    Das mit dem Mitanschieben hab ich in einer Teeniemüttersendung vor paar Wochen mal gesehen.

    Ansonsten - SEHR tapfer! Der Anä traut sich nie wieder wohin, wo Basmati dran steht ; )

    s Faultier

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    1. Das will ich doch hoffen ;-)
      Danke für die Karte, Sid, ist gestern angekommen und die kleine Wulfhild hat sich SEHR gefreut :-)

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