31. Mai 2012

Wulfhild und ich gegen die Dezibels dieser Welt

Solltet Ihr beim Lesen dieses Posts feststellen, dass ich mitten im Satz abbreche und die Geschichte unbeendet lasse, dann liegt dass daran, dass ein überschauberes aber gut trainiertes Sondereinsatzkommande der CIA diese Wohnung gestürmt und mich mitgenommen hat. Cati Basmatis Welt - demnächst live aus Guantanamo.

Denn: Ich habe "Lärm als Foltermethode" gegoogelt.

Vor der Tür wird nämlich gebuddelt. NetKaiserstadt verlegt Glasfaserkabel. An sich finde ich das gut und habe auch selten etwas dagegen, nur wäre ich bei Temperaturen von mehr als warm dafür, dass die Jungs nicht schon um 7 Uhr anfangen. Oder sie können meinetwegen um 7 Uhr anfangen, sich dann aber erst ein wenig mit Stillarbeit beschäftigen.

Hinter dem Haus wird auch geackert, da wird ja - immerhin erst ab 8 Uhr - die Fassade gedämmt. Deswegen musste ja der Baum weichen. Ab und an benutzen die Fassadendämmer einen Schlagbohrer, denn so eine Hauswand ist anscheinend nicht aus Knete.

Gestern der Supergau der Superlative. Der Tausendsassa der Gaus sozusagen.

Wulfhild schläft vormittags gerne zwei Stündchen, denn vom am großen Zeh Nuckeln, Quietschen, Frühstücken, Waschen und Anziehen ist man schließlich müde. Sie liegt also entspannt im Bett während Mutti mal eben schnell dem Hobby der Körperhygiene fröhnt und sich unter der Dusche verlustiert. Und was machen die Handwerker hinter dem Haus? Setzen ungeniert den Schlagbohrer an. Direkt neben Wulfhild. Die reagiert prompt und weil sie noch nicht so viele gute Schimpfwörter kennt, brüllt sie aus Leibeskräften und lässt die Tränendrüse auf Hochtouren arbeiten.

GottseiDank war Mutti gerade fertig mit verlustieren und eilte tropfend zu Hilfe. Hallo Nachbarn, so seh ich im Handtuch aus. Aber das kennen die ja schon.

Wulfhild ist kaum zu beruhigen, da die lustigen Handwerkerbuam im Kampf gegen die Wand nicht locker lassen. Wir flüchten ins Wohnzimmer. Ach ja, da steht das Fenster auf, weil es doch ein wenig warm ist in der Bude und man die Kühle des Morgens in selbige locken wollte. Und nochmal ach ja, draußen wird ja gebuddelt. Momentan mit dem Presslufthammer.

Wulfhild kann noch lauter.

Wir flüchten weiter in den Flur, da Mutti noch den naiven Plan hegt, das Handtuch gegen eine andere Bekleidungsform zu tauschen. Im Flur ist man aber wieder sehr nah an der Außenwand und - siehe oben. Also weiter ins Schlafzimmer, denn das ist hinten und wenn vorne gebohrt wird, dann sollte es hinten leiser sein. Ist es nicht. Schade, da müssen wir jetzt durch, Mutti braucht Kleidung.

Wulfhild kann noch lauter.

Wir flüchten in die Küche. Und schließen erstmal das Fenster und die Tür und wiegen uns für den Moment in Sicherheit. So langsam verebbt die Tränenflut, aber wehe Mutti versucht, Wulfhild in ihre Wippe zu legen oder ihr ähnlich grausame Behandlung angedeihen zu lassen. Mutti findet sich damit ab, dass Frisur heute wohl mehr Nest als Frisur bleiben wird. Lufttrocknen bei hoher Luftfeuchtigkeit ist immer eine dufte Idee.

Es hämmert und bohrt und hämmert und bohrt und Mutti entschließt sich, Wulfhild zur Beruhigung zu stillen und dann das Weite zu suchen. Der Steuerberater erwartet uns zwar erst in einer Stunde, aber man kann ja einen Umweg zum Haus zwei Häuser weiter gehen. Also ab dafür und runter auf die Straße. Ach ja, die Baustelle. Die mit dem Presslufthammer. Schnell weg. Und siehe da, um die Ecke ist noch eine Baustelle. Mit Presslufthammer.

Wulfhild kann immer noch laut.

Irgendwann kehren wir dann beim Steuerberater ein, der ist noch auf einem Außentermin, wir fangen schon mal ohne an und irgendwann beschleicht mich das olfaktorische Gefühl, dass Wulfhild und ich mal eine Toilette aufsuchen sollten. Tun wir auch, wickeln an ungewöhnlichen Orten ist doch unser Hobby. Auch unser Hobby: Freiluftpinkeln. Auf alles drauf, sobald Mutti die Windel weggezogen hat. Gut, ziehen wir die grinsende Wulfhild halt um, man kennt sein Kind ja und ist vorbereitet.

Lange nach Wulfhilds Mittagsschlafzeit verlassen wir das Steuerberaterbüro und wenden uns gen Innenstadt, denn vor dem Haus und hinter dem Haus ist ja heute Dezibelwettkampf und wir können nur verlieren. Wulfhild schläft nach 3 Sekunden ein. Bis wir zur Baustellen an der großen Straße kommen. Die hat zwar keinen Presslufthammer, aber eine Müllabfuhr, die kann auch was.

Mutti denkt, dass es eine gute Idee wäre, in Bewegung zu bleiben und wendet sich nach einer Kopfsteinpflasterschukkelrunde dem Aldi zu (vor dem natürlich eine presslufthammerbestückte Baustelle lauert), dann ist der Tag wenigstens ein bisschen produktiv. Im Aldi in der Kassenschlange nebenan: ein weinendes Baby. Aus Solidarität wacht Wulfhild auf und kann immer noch laut.

Zuhause wird tapfer getrunken, das beruhigt und macht satt. Und hoffentlich wohlig schläfrig. Denn umgehend nach der Pressbetankung wenden wir uns wieder der Außenwelt zu. Irgendwo muss es doch ruhig sein.

Im Park ist es ruhig. Und es gibt Kaffee. Mutti ist glücklich. Als Wulfhild das sieht, schläft sie ein, um nach kurzer Zeit des Power-Nappings der Welt wieder ein strahlendes Lächeln zu schenken. Denn wenn Du denkst die Welt ist gegen Dich, ist sie es nur gelegentlich. Und: der nächste Feierabend kommt bestimmt.

Ich bin nur froh, dass wir vorgestern beim Impfen waren, das wäre sonst noch die Kirsche auf der Sahne ihres Kuchenstücks gewesen.

Kommentare:

  1. Och Herm ... da kann man wirklich Mitleid mit so einem kleinen Menschen haben ... das ist ja auch alles schrecklich gemein und ungerecht!
    Liebe Grüße
    Fredda

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  2. autsch, das tut weh, wenn man gar keine ruhige Ecke mehr in der eigenen Bude findet (incl. wohl schon bald in der gesamten Stadt?!)

    Kaempft Euch guuuut durch ihr Zwei und liebe Gruesse,
    Gerlinde

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