29. Juni 2012

Propeller Company in Neuss

Gestern war ja H wie Halbfinale. Weil ich aber im Vorhinein über das Ergebnis Bescheid wusste, war mir klar, dass auch H wie Henry V OK wäre. Und siehe da: es war mehr als OK. Es war supra OK. Ein OK der Superlative!

Wie der Zufall es so wollte, gastieren gerade alle meine besten Freunde in Neuss, denn dort findet wie jedes Jahr das Shakespeare Festival statt. Ein Muss für jeden, der das will. Denn dort steht nicht nur seit 1991 ein Nachbau von Shakespeares Globetheater auf der Rennbahn, NEIN, dort sind jedes Jahr Theatergruppen ausse janze Welt zu Gast um mich mit ihren Inszenierungen zu beglücken. Danke, Theaterschauspieler ausse janze Welt, die Shakespeare genauso dufte finden wie ich.

Kein Dank geht an den Sommerwettergott, der sich dachte dass es doch lustig sein könnte, auf einmal und für genau einen Tag Sommer in der Kaiserstadt zu machen, mit Fünftausend Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von Hundertundneun Prozent. Das macht nicht nur Kruselhaar, sondern verspannt sowohl Wulfhild als auch Cati, wenn sie durch die Stadt hetzen müssen und rechtzeitig alles zu erledigen, bevor Wulfhild in den Süden der Kaiserstadt zu Oma und Opa aufbricht. Aber wer wird schon schimpfen, so konnte man sich wenigstens hübsch aufbrezeln für die gutaussehenden Thespians.

Dieses Jahr hatte ich im Vorfeld übrigens ein wenig geschlunzt und nur noch mit Mühe Karten für ein Stück ergattert, das ich noch nie gesehen habe und das noch dazu an einem Tag aufgeführt wurde, an dem ich auch konnte. Ich wusste ja, dass das H wie Halbfinale Trauerflor und Tränenspuren nach sich ziehen würde. Wer will das schon. Also wurde kurzerhand die Kreditkarte mit dem Betrag für zweimal Parkett Rechts belastet und schon saßen Anfüte und ich im Auto. Wie jedes Jahr.

Wie jedes Jahr war die Anfahrt verwirrend. Neuss wechselt erstaunlich oft seinen Standort, so dass man jedes Jahr aufs Neue feststellen kann, dass es auf der Heimfahrt viel leichter ist, nicht vom rechten Weg abzukommen. Frau von heute zückt das Navi nämlich erst in dem Moment, in dem man dann sowieso am Straßenrand ein Hinweisschild sieht. Spart Akku und Datenvolumen, also nicht böse sein, Lieblingssmartphone.

Nach erfolgreicher Ankunft mussten wir erstmal da hin, wo selbst Königinnen niemanden für sich hinschicken können. War zum Glück ausgeschildert.


Da LaMama mir im Tausch gegen die Übernachtungsenkelin nur EIN Käsebrot mitgegeben hatte, war ich schon wieder hungrig und wir mussten eine kleine Stärkung zu uns nehmen.


Diese genossen wir in illustrer Gesellschaft vor dem Globe. Für nächstes Jahr peilen wir einen selbstgepackten Gurkensandwichkorb an. Wir sprechen dann auch ganz hochnäsig.


Etwas verwirrend ist die Anwesenheit von sturmbehaupten Soldaten, die sich mit katzenhafter Geschmeidigkeit Schlagstöcke schwingend unter das wartende Publikum mischen. Israel ist doch gar nicht um die Ecke? Ist es wirklich nicht, dafür aber das Stück. Und in dem geht es um - richtig, England - einen englischen König. Nämlich Henry V. Könige sind ja oft kleine Nimmersatts und ziehen gerne in den Krieg, wenn das Taschengeld mal nicht bis zum Ende des Monats reicht. So auch Henry V, hence the soldiers.

Inszeniert wurde das Stück um Heinrichs Einfall in Frankreich und die Schlacht von Azincourt am 25. Oktober 1415 von der Propeller Company und ich gebe zu, dass es die beste Abendunterhaltung war, die ich seit langer, langer, langer, langer Zeit genießen durfte. Es war zwar schon gut, dass wir auf der Hinfahrt schnell nochmal ein bisschen Wissen aufgefrischt hatten, was Inhalt und Historie angeht, aber auch ohne jegliches Vorwissen wäre es einfach nur ein Genuss gewesen. Voll und ganz. Es war sogar so, dass mir oft der Schweiss eine Gänsehaut den Rücken runter rann vor lauter Ehrfurcht. Manche können das einfach besser, diese Theaterspielerei. Die Jungs sind noch heute und morgen da und es gibt wohl auch noch Karten. ES LOHNT SICH! Es war sozusagen ein zweites Newbury.


Ich gebe zu, dass ich nicht immer genau verstand, was gesagt wurde. Und das, obwohl ich der Sprache doch mächtig bin. Machte aber gar nichts, denn diese Geschwindigkeit und das Fest für die Augen und der Wechsel von Hochgefühlen und seichter Unterhaltung und und und war einfach nur  genial. Supra OK, ich erwähnte es bereits.

Anstatt eine Pause zu genießen bevor der zweite Aufguss in der Biosauna anstand, haben die tapferen Recken übrigens lieber für uns gesungen. Ich nehme an, dass es sich um eine Mischung aus mitleidiger Ablenkung vom Disaster und hämischer Freude über das nun auch unser Ende des was-ist-das-denn-für-ein-Sommer-Märchens handelte. Nichts genaues weiß man aber nicht.



Das Shakespeare Festival läuft noch bis zum 7. Juli, schaut doch mal schnell, ob noch was zu gucken ist. Ich schreib jetzt Fanbriefe mit Unterwäsche an den ein oder anderen Darsteller.

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