7. Juli 2012

6. Brief an Alma

Liebe Alma,

wärest Du eine Woche, wäre heute wohl Bergfest. Aber dann würde ich auch sagen "von hier nur noch bergab" und mit Dir geht es eigentlich immer nur bergauf. Nicht weil es immer schwieriger wird, sondern weil es hoch hinaus geht. Richtung oben. Da wo man sich umgucken kann, Wolken tastet, sich fröhlich und frei fühlt, die Sonne sieht, unendlich denkt und alles erreichen kann.

Aber Du bist keine Woche, du bist unser Mäuschen. Und Du bist 6 Monate alt. Ein halbes Jahr.

Wo ist denn die Zeit hin? Ich weiß es nicht. Ich komme mir manchmal vor, als würde ich nur kurz auf der Couch sitzen und ZACK wirst Du eingeschult. Hast den ersten Freund. Zickst rum. Brichst die Schule ab. Ziehst nach New York. Wirst als Model entdeckt. Bereist die Welt. Heiratest einen stinkreichen Typen mit Yacht. Nimmst Schauspielunterricht, nachdem Du einen Blockbustererfolg gefeiert hast. Spielst aus Prinzip nur noch in Independent Filmen mit und bist Stammgast in Cannes und beim Sundance Film Festival. Und dankst Deinen Eltern in Deiner Oscar-Rede, dass sie Dich immer ihre Liebe haben spüren lassen.

Vielleicht heiratest Du auch nur einen Prinzen und wirst mal Königin, wer weiß.

Ballkleider stehen Dir nämlich bestimmt sehr gut, Du zahnloses Monster.


Auf jeden Fall geht alles so rasend schnell. Du drehst Dich inzwischen auf den Bauch, meist auch alleine. Das fing sehr lustig an, denn natürlich wusstest Du, wie das geht. Und wenn wir Dich dann dazu animieren wollten und ein Spielzeug Deiner Begierde oben neben Deinen Kopf gehalten haben, damit Du Dich danach reckst und drehst, hast Du mit Recken und Drehen angefangen, innegehalten, Dich zurück auf den Rücken gedreht und uns mit diesem wissenden Blick angestarrt. Ja, wir wissen, wir können Dich nicht veräppeln und am Ende gewinnst sowieso Du. Inzwischen läuft das aber halbwegs gut.

Deine Taufe hattest Du ja ganz gut weggesteckt, aber am Wochenende danach hattest Du eindeutig zuviel Zeit mit Deiner Cousine verbracht und Dir von ihr die durchwachten Nächte abgeschaut. Unschön, meine Dame, unschön. Es hat fast eine Woche gedauert, bis der Nachtschlaf wieder unser war. Das macht wenig Lust auf Euch beide als kleine Rabauken. Wir ziehen uns vorsichtshalber schon mal warm an.

Die unruhigen Nächte waren aber wohl auch Teil eines Riesenentwicklungssprungs, denn in der Zeit hast Du einen unglaublichen Schritt gemacht, was Greifen angeht. Du kannst sehr gezielt greifen und wir müssen alles - ALLES - in Sicherheit bringen. Eigentlich gut, dass Du noch nicht so mobil ist, sonst stünde hier schon alles Kopf. Wir brauchen schließlich als alte Leute immer ein wenig Zeit, um uns umzuorganisieren. In dem Zusammenhang sei auch zu erwähnen, dass ich mir vorkomme als würde ich jeden Tag Deine 87 Fingernägel schneiden müssen. Die wachsen wie Unkraut, unglaublich. Es wird Zeit, dass Du den Umgang mit einer Schere lernst.

Kommen wir aber zu aufregenden ersten Malen, davon gab es diesen Monat nämlich zwei.

Es gab den ersten mamafreien Tag. Ich war ja einen ganzen Samstag bei BLOGST in Köln und Du hast einen Papatag verbracht. Es hat Dir anscheinend ganz gut getan, denn es waren noch alle Finger und Zehen dran - ich habe heimlich nachgezählt - und Du hast recht glücklich gewirkt, als ich wiederkam. Aber Du hättest ruhig mehr strahlen können, um Deiner Freude über unser Wiedersehen Ausdruck zu verleihen. Ich war wohl die einzige, die sich Sorgen gemacht hat. Was übrigens aufhörte, sobald ich im Zug saß, es war also gar nicht schlimm wie im Vorfeld vermutet. So ähnlich stell ich mir ja die Eingewöhnung im Kindergarten vor. Da werden eher die Mütter ausgewöhnt, als dass die Mäuse eingewöhnt werden.

Das zweite Großereignis war die erste Übernachtung bei Oma und Opa südlich der Kaiserstadt. Da ich Karten für das Shakespeare Festival in Neuss hatte und Dein Papa noch viel weiter südlich der Kaiserstadt eine Schulung besuchte, fuhren wir kurzerhand in den Süden der Kaiserstadt, wo die Großeltern ganz ambitioniert auch Deine Cousine zur Übernachtung da hatten. Beruhigend war schon, dass die ersten zwei Enkel sehr gut gedeihen und LaMama zudem auch mal Tagesmutter war und - ach ja - auch drei eigene Kinder ganz gut hinbekommen hat. Hüstel. Ohne Gejammer ging es da wohl ins Bett und ich hab die ganze Nacht dann nur nicht geschlafen, weil ich a) nach der grandiosen Inszenierung von Henry V durch die Propeller Company ganz aufgeregt war und ich b) ein bisschen übermüdet und überhitzt vom plötzlichen Sommer war und ich c) zum ersten Mal seit zig Wochen wieder mit einem Baby in einem Zimmer geschlafen habe und ich d) bei jedem Deiner Atemzüge zuhören musste. Janz valiept! Am nächsten Morgen bin ich dann zur Abwechslung nicht von Deinem Gebrabel geweckt worden, sondern von dem Deiner Cousine im Nebenzimmer, denn die wird deutlich früher wach als Du. Danke.

Und nicht zu vergessen: Du hast zum ersten Mal etwas gewonnen. Bei Frau Mutti hast Du - ganz standesgemäß - ein Lichtschwert gewonnen. Man kann nicht früh genug anfangen, sich für die richtige Seite der Macht vorzubereiten.


Und weil das Schwingen eines Lichtschwertes mit tänzelnd-athletischer Körperbeherrschung einhergeht, sind wir ja immer noch sehr aktiv beim Babyschwimmen. Inzwischen lachen übrigens alle anderen Muttis nur noch, wenn ich auf die Frage "Wer will als erster tauchen?" freudig "WULFHILD!" antworte. Ich möchte, dass Du das Wasser magst, gerne tauchst und schwimmst und schnorchelst und nicht wie ich hinter jeder Welle ein glitschiges Schleimtier vermutest. Also immer schön mutig als erste, damit potentielles Kinderweinen Dich nicht abschreckt. Ich nenne das fürsorgliche Erziehung zum Mutigwerden. Und mit Papa ist Schwimmen auch nicht schlecht. Vorallem wenn er eine Gießkanne hat und es Dich ganz fuchsig macht, wenn Du die Wasserstrahlen nicht festhalten kannst.


Heute fängt Papas Elternzeit an, was mich für Euch beide sehr freut. Denn obwohl ich äußerst eifersüchtig bin auf jeden, der Zeit mit Dir verbringt, gönne ich Euch beiden Eure gemeinsame Zeit von ganzem Herzen.

Liebchen, uns steht ein aufregendes zweites Halbjahr ins Haus. Zum einen geht es nämlich bald in den ersten Urlaub - Deine Packliste ist übrigens zu 98 % ein Inventar Deiner Besitztümer - und zum anderen gibt es gleich den ersten Brei. Ich bin gespannt.

In Liebe,

Mama

Kommentare:

  1. Ich sags Dir gleich ... man dreht sich dreimal um und zack sind sie aus dem Haus !! Unsere wird 19 ... :-)

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  2. :-D zu den Zukunftsplaenen fuer die junge Dame!

    Wenn Du so weitermachst, wirst Du wohl das ernsthafteste und erwachsendste Kind unter der Sonne kriegen.
    Grund: wenn die immer 'so ganz anders sein wollen wie die Eltern' ....
    rat' mal welche Richtung Deinem Kind 'NUR' uebrigbleibt, Du 'Riesen-Scherzkeks' ! :-D

    LG, Gerlinde

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  3. Sehr schön! Wie war denn der erste Brei? Und was gab's?
    Liebe Grüße!

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