7. August 2012

7. Brief an Alma

Liebe Alma,

plötzlich kugelst Du Dich.

Neulich noch warst Du das Kind, das sich nicht drehen wollte, und jetzt bist Du das Kind, das ich keine Sekunde aus den Augen lassen kann, weil Du überall hinkugelst und vorzugsweise dahin, wo Du nicht hin sollst. Zum Beispiel unters Bett, ins Headquarter der Wollmausarmee. Oder unter den Sessel, unter dem ich das Trapez lagere, wenn es mal nicht von Dir in die Luft gestemmt werden soll. Oder unter das Bücherregal, aus dem Du ganz zu Papas Stolz als erstes das Taschenbuch der Mathematik gezogen hast. Gutes Kind.

Dieses Rumkugeln vom Rücken auf den Bauch auf den Rücken auf den Bauch auf den Rücken ist toll. Du strahlst jedes Mal bis über beide Ohren, wenn Du irgendwo angekommen bist, so als hättest Du gerade den Kilimanjaro bestiegen. Es scheint auch ähnlich anstrengend zu sein, denn Du bist noch nie so oft beim Stillen an der Brust eingeschlafen wie im letzten Monat. Ich genieße diese Momente sehr, schließlich weiß ich, dass Dein Entdecken der Welt darauf hinausläuft, dass Du Dich von mir fortbewegst. Und da ich jetzt schon wieder kurz davor bin, wie ein Schloßhund zu heulen, wechsel ich lieber das Thema.

Der letzte Monat war ein Monat voll mit großen und kleinen ersten Malen, was super war, weil Dein Papa einen Elternmonat hatte und ihr beiden so ganz viele erste Male miteinander erleben konntet. Das erste Mal das Taschenbuch der Mathematik lesen. Das erste Mal am Strand im Sand sitzen. Und nicht zu vergessen das erste Mal einen Löffel Brei in den Mund geschoben bekommen. Es hat ja schließlich keiner gesagt, dass alle ersten Male gut werden, richtig?

Der erste Löffel Brei. Ein ganz schöner Meilenstein. Und einer, nach dem Deine gefühlsduselige Mama heulend auf dem Bett lag, weil Du jetzt groß bist und demnächst ausziehst und ohne uns durch die Welt stakst. Das hat dann aber auch irgendwann aufgehört und dann fing das mit dem Sorgen machen erst so richtig an. Denn Du hattest überhaupt keinen Schimmer, was wir von Dir wollten. Schieben Dir da eklig orangen Schleim in den Mund. Und hampeln mit gruseligen Aaaaaas und sperrangelweit aufgerissenem Mund vor Dir rum und einen Löffel für Mama und einen Löffel für Papa. Die spinnen doch, hast Du wahrscheinlich mehr als einmal gedacht. Und nachdem ich fast davon überzeugt war, dass Du einfach noch nicht so weit bist und verzweifelt aufgeben wollte, hast Du plötzlich festgestellt, dass Birnenbrei doch ganz lecker ist. Hätte ich auch gleich drauf kommen können, dass Du als Tochter Deiner Eltern lieber Obst als Gemüse magst. Und schwupp, bist Du doch groß und inhalierst Obstgetreidebrei am Nachmittag und verziehst nicht mehr ganz so sehr das Gesicht, wenn ich Dir zum Mittag Kürbisbrei schmackhaft machen will. Der geht nämlich leichter wieder raus als Möhrenmatsch. Wir schaffen es schon noch, das Abstillen.


Der erste Urlaub. Da gab es zwar nur Sonne, wenn wir auf der Autobahn waren, aber das ist egal. Wir hatten trotzdem eine tolle Zeit zu dritt, am Möhnesee, an der Nordsee und in Hamburg. Denn mit Dir kann man prima Wandern, im Café sitzen, ein Schläfchen machen, Ausflugsdampfer fahren, Eis essen, im Sand sitzen und und und. Du bleibst Deinem Motto "Nur Stillen und Chillen" immer treu, selbst wenn um Dich herum Deine Welt im Chaos versinkt und alle paar Tage ein neues Reisebett in einem neuen Zimmer in einer neuen Ferienwohnung auf Dich wartete

Der erste Tag am Strand. Streng genommen war das gar nicht der erste Tag am Strand, dieser Strandtag in Timmendorf, aber weil wir an der Nordsee wegen des Überangebots an Wattenschlick in Ermangelung von Sand und Meer gar nicht "am Strand" gesessen haben, wollen wir mal großzügig sein. Hauptsache Du warst fasziniert von diesem feucht-krümeligen Zeug an Deinen Fingern, welches Du vor lauter Verwunderung erst nur ganz zart mit den Fingerchen untersucht und dann grabend zerwühlt hast, anstatt es wie Dein Onkel Herr von Clausewitz mit beiden Händen in den Mund zu schaufeln. Gutes Kind.


Und last but not least: ein erstes Mal das gar keins war. Der erste Zahn. Den mussten wir nämlich leider wieder zurücknehmen, weil der erste leuchtend weiße Punkt vorne am Unterkiefer dann von einem auf den nächsten Tag wieder weg war. Wir tippen im Nachhinein auf eine Blase, weil Du auf allem rumkaust, was Dir zwischen die Kauleisen gerät. Gut, dass wir die Großeltern nicht aufgeregt angerufen haben, da mussten wir nur bei Deinen Pateneltern in Hamburg wieder Entwarnung geben. Und warten weiter auf den ersten Zahn.


Papas Elternmonat ist rum, morgen steht die U5 ins Haus und Du kannst Dich in die Herzen aller Deiner Mitmenschen lächeln. Läuft, würde ich sagen.

Schätzchen, ich bin froh, dass Du bei uns bist. Ohne Dich wäre es nämlich gar nicht so schön.

In Liebe,

Mama

Kommentare:

  1. Welch eine wunderschöne Liebeserklärung..........

    LG Flocke

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  2. So ein schöner Brief! Da wird sie sich sicher freuen, wenn sie später selber lesen kann...
    Ein kleiner Tip noch: Möhrenbrei geht ganz einfach wieder 'raus, zumindest im Sommer: Einfach das Stück in die Sonne legen. Wenn sie richtig scheint, kann man beim Verschwinden zusehen... und der Fleck kommt auch nicht wieder. Klppt hervorragend. ;-)

    LG Simone

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    1. Nach dem Waschen? Oder wenn erst auswaschen und dann feucht in die Sonne, bevor das Ding in die Maschine kommt?

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