16. August 2012

Nach jedem Tal kommt ein Berg kommt ein Gipfel kommt ein Abhang kommt ein Tal

Da ich irgendwann mal in einem Anflug geistiger Umnachtung versprochen habe, die Vögel niemals zu töten fliegen zu lassen, nicht mal versehentlich, schien es mir gestern nicht ratsam, die Vögel zu töten versehentlich fliegen zu lassen zu Nymphensittichschnitzeln zu verarbeiten. Ich befürchtete nämlich, dass das in die gleiche Kategorie wie "fliegen lassen" gehört. Falls ich mich täusche: bitte aufklären. Manchmal muss das einfach sein.

Der Grund war ganz einfach. Naja, eigentlich nicht einfach, sondern eher vom Typ der fünffachen Kausalkette.
  1. Es war warm. Sehr sogar.
  2. Wegen 1. war Wulfhild warm. In der Kaiserstadt sagt man da auch gerne: Wulfhild hatte ganz schön heiß.
  3. Wegen 2. hörte sich die von ihr produzierte Geräuschkulisse an wie die einer südamerikanischen, illegal eingewanderten, schwangeren Minderjährigen nach den ersten 10 Stunden Wehen. Irgendwo zwischen pressendem Nörgeln und nörgelndem Pressen.
  4. Wegen 3. war meine Schmerzgrenze hinsichtlich psychischer Folter auf einen unglaublich niedrigen Wert gerutscht.
  5. Wegen 4. konnte ich ganz schlecht damit umgehen, dass der Vogel ein neues Geräusch gelernt hatte. 
Kennt ihr den Hinweiston, den Waschmaschinen und Trockner gerne von sich geben, wenn sie ihre Arbeit verrichtet haben? So lange, bis man sie ausschaltet und ihnen die wohlverdiente Ruhepause gönnt? Dieser Ton ist nicht schön. Den kann man auch nicht ignorieren. Steht besagte Waschmaschine Schrägstrich Trockner oder gar das Kombinationsgerät Waschtrockner gar in der Wohnung, ist es unmöglich, andere wichtige Tätigkeiten fortzuführen, ohne dem Wahnsinn anheimzufallen. Zum Beispiel schlafen. Oder Dr. House gucken. Menschenwürdiges Leben ist erst wieder nach Ausschalten des Tons möglich.

Der Vogel kann diesen Ton nachmachen.

Und wem das noch nicht schlimm genug erscheint: er kann es viel gellender, als der Waschtrockner. Und da sein Waschtrockenzyklus viel kürzer ist als der des Waschtrockners, hindert ihn nichts und niemand daran, diesen Ton immerfort auszustoßen.

Da die Kausalkette gestern eine schier feuerfeste Form angenommen hatte, musste ich raus. Ganz schnell. Weg von dem Vogel. Irgendwohin, wo mir nicht versehentlich die Hand ausrutscht. Und wo Wulfhild vielleicht auch abgelenkt wird. Wegen 3. der Kausalkette.

Das lief auch ganz gut, schon im Hausflur musste ich nicht mal den Postboten zur Sau machen, weil er es nicht geschafft hatte, beim ersten Drücken die Tür aufzuschieben, sondern einfach nochmal klingelte. Ich konnte ihn ganz wortlos mit meinem Blick töten. Ein guter Anfang.

Weiter ging es im Kiosk, wo ich wegen Nichtgewinnung des Lottojackpots nicht mal mehr den bösen Blick auspacken musste, sondern die Besitzer einfach durch schieres Nichtkaufen einer Zeitschrift strafte. Ich befand mich eindeutig auf einem aufsteigenden Ast.

So ging das weiter. Der DM druckte quadratische Fotos so aus, dass nicht ein Rechteck zuviel auf 10 x 15 ist, sonder 15 x 5 des Fotos fehlt? Mir doch egal, dafür schiebe ich das nöhlende Kind zur Unterhaltung aller ein wenig auf und ab. Seht ihr? Kein böser Blick und nicht mal finanzieller Schaden.

Der Barista schreibt Cati mit K? Egal, ich nehm trotzdem einen Eiskaffee. Der heißt natürlich amerikanisch, aber das tut ja mal nix zur Sache. Seht ihr? Kein böser Blick, kein nöhlendes Kind, kein finanzieller Schaden.

Zu guter Letzt hab ich dann im Schnickschnackladen des Vertrauens so gut wie nix gekauft und sogar mit Karte bezahlt, damit die nicht so viel schweres Kleingeld zur Bank tragen müssen. Herzensgut, meine Damen und Herren.

Während ich also in konzentrischen Kreisen um meine innere Mitte herum diese langsam wiederfand, fand sogar Wulfhild Schlaf. Der kommt nämlich ein wenig kurz bei dieser Witterung. Und wenn man bedenkt, dass Wulfhild zwischen allen fünf Mahlzeiten des Tages mindestens eine Stunde schläft und des nachts dann ja sogar 11, der kann ungefähr ahnen wie entspannt sie ist, wenn diese 16 Stunden Schlaf gekürzt werden. Im Kinderwagen schlafen ist aber ja seit einigen Wochen schon out, was plus Hitze dazu führte, dass sie erst gepflegte drei Minuten vor Ankunft im Castle Grayskull einschlief.

Woraufhin ich die vor der benachbarten Kirche im Schatten eines Baumes stehende Bank zum Anlass nahm, eine wohlverdiente Verschnaufpause einzulegen und das Internet zu lesen. Nicht das ganze Internet, hallo? Nur die zweite Hälfte, die erste hatte ich morgens beim Stillen schon gelesen. Soviel neues passiert da auch nicht.

Und dann das Fiasko. Ich blieb nicht alleine. Während Wulfhild schlief und ich das Nichts bewunderte, das ich im Schnickschnackladen des Vertrauens nicht gekauft hatte, setzte sich eine ältere Dame neben mich. Zum Verschnaufen. Ist ja ganz schön heiß heute, nicht wahr? Ach, wie alt ist es denn? Wie süß, ein Er oder eine Sie? Sie hat übrigens zwei Söhne. Früher ließ man die ja schreien. Heute ist ja alles anders, auch bei der Kindererziehung. Ach und wenn die erstmal in die Pubertät kommen. Jungs sind da ja noch schlimmer als Mädchen, sie hatte sogar zwei davon. Und wollen sie sie denn in den Kindergarten geben? Soll ja ganz gut sein, aber dann sind sie auch immer krank. Ihre waren dann ja ständig krank. Ach, sie müssen arbeiten? Alleinerziehend? Nein? Da haben sie aber Glück. Früher blieb man ja bei den Kindern zuhause.

Sie sitzt eventuell immer noch da und gibt mir gute Ratschläge zum Zahnen, zum Schlafen, zum Essen, zum Laufenlernen, zur Beiss- und Spuckerziehung, zur weiteren Lage der Nation und der Welt sowieso. Ich geh lieber nicht gucken.

Kommentare:

  1. Ich hab noch nie meinen richtigen Namen angegeben, weils einfach zu lange dauern würde, bis ich ihn buchstabiert hätte, oder eigtl, weil eh nicht das draufsteht oder am Ende vorgelesen wird, was denn drauf stünde.
    Darum bin ich mal Catwoman, mal Foxy Brown, dann Lara Croft. Bei letzterer habe ich auf "meinem Nachnamen" bestanden, Barista wollte nur Lara schreiben, tz!
    Bekannte von mir gab "Madonna" an, bekam "Madona". Tja. Ich glaube, ich gründe ne Facebook-Gruppe für die falsch benamsten Kaffees und Chais und Refreshas dieser Welt.

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  2. Hach ... ich mag Deine Art zu schreiben ... auch wenn es in diesem Fall die Beschreibung eines echt verkorksten Tages ist ;-) Aber das Wetter wird ja grade wieder erträglicher - ich mag mich gar nicht in Wulfhild hinein versetzen. Ich fand die letzten Tage selber schon völlig überflüssig, obwohl ich wusste, dass es irgendwann wieder besser wird ... wie ätzend muss es erst sein, wenn die ganze Welt plötzlich unerträglich ist und man sich eben (noch) nicht drauf verlassen kann, dass es wieder besser wird? *uff*
    Liebe Grüße
    Fredda

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