7. März 2013

14. Brief an Alma

Liebe Alma,

kann es sein, dass wir nun schon unseren zweiten Frühling erleben? Unglaublich.

Seit einem Monat bist Du nun "richtiges" Tageskind und gehst fast jeden Tag ins Kinderbüro. Allerdings ohne die Kinderaktentasche, denn die schleift auf dem Boden, wenn Du sie um den Hals hängen hast. Du bist halt klein und zart, da musst Du noch warten. Und wir wüssten ja eh nicht, was wir da rein tun sollten, richtig?

Und das ist auch schon das erste große Ding: ich vermisse Dich. Ich gehe ins Büro, wo Du nie warst, und wo Du deswegen auch nicht fehlst, aber mir fehlen die Stunden mit Dir. Ich sehe Dich erst nachmittags wieder und stecke Dich mehr oder weniger direkt ins Bett, weil Dir vor lauter Spielmüdigkeit die Augen zufallen. Dann schläfst Du bis zum Abendbrot, isst was, erledigst die Abendroutine und gehst für die Nacht ins Bett. Schlimmer könnte ein Vollzeitjob auch nicht sein, wenn ich es mir recht überlege. Also bleibt mir nichts anderes, als alle Kollegen mit Deinen Fotos zu nerven, von Deinen Abenteuern zu erzählen und Dich anzuhimmeln, während Du schläfst.

Aber wir haben das Kleinkindschwimmen und hätte ich gewusst, dass Du so eine Wasserratte wirst, dann hätte ich Dich in einer Geburtswanne zur Welt gebracht. Du fängst an zu jauchzen und zu jubeln, sobald Du merkst, wo wir hingehen und wäre da nicht die Fremdelei, die Du der Kursleiterin entgegen bringst, dann würde ich zweifeln, ob Du nicht doch in diesem Becken geboren wurdest. Wurdest Du aber nicht, da bin ich mir recht sicher. Morgen gehen wir wieder planschen, ich freu mich schon.

Du hast diesen Monat Deinen eigenen Pfannkuchenrekord gebrochen und kannst nicht nur 9, sondern auch 10 Pfannkuchen auf einmal verdrücken. Und nach 30 Minuten Verdauungspause gehen dann aus Solidarität mit dem Sumobaby, welches das Mittagessen verschlafen hatte, nochmal 3. Respekt! Und: wohin tust Du das alles? Hoffentlich bleibt Hüftgold noch lange ein Fremdwort für Dich!

Die Grippewelle, der hier reihenweise alle Welt zum Opfer fiel, brachte Dich nur sehr kurz aus dem Konzept, nach einem Tag Glühwürmchen war alles vorbei und Du wieder auf dem Damm. Ich schiebe diese stählerne Konstitution ja immer auf Deine Geburt mitten im Winter, die mich zwang Dich im Alter von nur wenigen Wochen viele Stunden durch eisige Temperaturen zu schieben, sehr zum Leidwesen aller Omas und Opas. Aber was hilfts, man kann ja nicht immer nur drin hocken, wenn man plötzlich raus aus dem strukturierenden Büroalltag in einen völlig neuen Alltag mit Kind geworfen wird. Also: viel frische Luft, Abhärtung deluxe. Das macht sich jetzt hinten raus bezahlt, denke ich. Und die Pfannkuchen tun das ihre noch dazu.

Das Laufen an der Hand geht immer besser, aber loslassen ist eher für die anderen Kinder, Du machst halt nicht jeden Quatsch mit. Erst wenn Du ganz sicher in den Armen Deines Gegenübers gelandet bist, lässt Du meine Hand los, da kann man Dich auch nicht austricksen und so tun als ob. Du merkst es, bleibst stehen und blickst äußerst vorwurfsvoll. Äußerst vorwurfsvoll. Und dann halte ich Dir aus reinem Selbsterhaltungstrieb die Hand wieder hin. Nicht dass Du Dich mit Schlafentzug rächst, ich mag die 12 Stunden Ruhe über Nacht weiterhin ganz gerne.

Dafür guckst Du Dir anderen Quatsch im Kinderbüro ab. Zum Beispiel leckerstes Essen verschmähen, weil es vielleicht getarnter Brei sein könnte. Oder auf den Kindertisch klettern. Oder oder oder. Vielleicht ist das Kinderbüro doch keine so gute Idee. Lieber behalte ich Dich hier bis Du groß bist und auch das Großwerden sollte doch zu verhindern sein. Oder nicht? Kannst Du bitte klein bleiben?

Andererseits sehne ich den Tag herbei, an dem Du Dich dazu herablässt, Deinen Wortschatz zu erweitern. Du bist ein ruhiges Kind, und plapperst ohnehin schon nicht sehr viel vor Dich hin, aber noch weniger plapperst Du zielgerichtet mit uns. Bisher gibt es "Da!" in steigender Intensität. Wobei "steigende Intensität" in keinster Weise die Dringlichkeitsstufe widergibt, die dieses "Da!" gepaart mit vehement ausgestrecktem Taktstock Zeigefinger ausdrückt. Und leider stößt auch die Ausdruckskraft von "Da!" sehr schnell an ihre Grenzen, wenn es um komplexere Dinge geht. Und ich nehme an, dass es um komplexere Dinge geht, denn selbst Du bist mit "Da!" nicht mehr zufrieden. Sag doch, was Du willst! Ich höre zu!

Mehr ist gar nicht passiert, diesen Monat. Und doch sind tausend Dinge passiert, große und kleine, wichtige und unwichtige, normale und besondere. Ach was sag ich denn, alle Momente sind besonders mit Dir.

Ich pack jetzt unsere Badesachen für morgen.

In Liebe,
Mama

1 Kommentar:

  1. Wie schön das geschrieben ist!
    Ich hab hier auch eine Alma und hab den Namen bisher so selten gelesen.

    Danke für die tollen Zeilen :)

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