26. November 2013

Bio ist nicht alles

Über Schlachtviehtransport wird an anderer Stelle ausführlicher und besser geschrieben, deswegen wende ich mich hier mal den Aquarien zu. Und das alles, weil das Auto heute morgen nicht aufging.

Ich stand also mit Wulfhild und der leeren Biokiste im Gepäck wie ein grenzdebiler Neandertaler vor Mr. Goldfinger, hielt ihm vorwurfsvoll die Fernbedienung hin und wiederholte "Hallo?" mantramäßig ca. 37 Mal. Es schien ihm egal. Der eiligst herbeitelefonierte geek brachte den Zweitschlüssel, doch auch dieser wurde vom internen Sicherheitssystem des technisch auf dem neuesten Stand schlafenden Mr. Goldfinger nicht zur Kenntnis genommen. Und dabei hätte ich nicht mal kratzen müssen. Ein Trauerspiel.

Wir wandten uns gen Bushaltestelle. Wer schon einmal versucht hat, mit einem fast zweijährigen Kind im Eilschritt ganz egal wohin zu gelangen, der weiß, dass mir siebzehn graue Haare wuchsen, bis wir um die Ecke die Straße rauf am Bahnhof und somit der Bushaltestelle angelangt waren. Ich wähnte mich im Glück, traf doch zur gleichen Zeit ein passender Bus ein. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich mit dem Bus erst in die eine Richtung fahren, dann eine gute Strecke laufen, dann die gute Strecke wieder zurücklaufen, dann mit dem Bus wieder zurück und noch ein bisschen weiterfahren und dann nochmal eine sehr gute Strecke zu Fuß laufen muss, um vom Castle Grayskull zum Fußabtreter des Elfenbeinturms zu gelangen. Das dauert wesentlich länger als einmal ab ins Auto, durch den Tunnel, um die Ecke, Kind abwerfen und zurück. Eile war also geboten.

Der Bus hielt vor uns und wie aus dem Nichts materialisierten sich Menschenmengen, von deren Existenz man als Provinzstadtbewohner nur träumen kann. In solchen Träumen, in denen man Platzangst und Schweißausbrüche bekommt, wohlgemerkt. Das endliche Fassungsvermögen des Busses war allerdings schon bei Ankunft an unserer Haltestelle erreicht, so dass der Busfahrer lediglich die Türen für die öffnete, die - und jetzt kommt diese Aquariumsgeschichte, die ich anfangs versprach - erstickenden Karpfen gleich an den beschlagenen Scheiben des Busses klebten und gierig nach Atemluft japsten. Sie kennen das: Türen auf, Menschen explodieren hinaus, Türen zu, immer noch genau so voll wie vorher. Das Glück war uns nicht hold, wir blieben außen vor. Wenig hilfreich war auch die Ankunft eines weiteren Pendlerzuges, aber das ist wie bei Ameisen. Wo eine ist, sind bald noch mehr.

Das nächste Karpfenglas nahte in unglaublichem Zeitabstand, doch das Ergebnis war das gleiche wie vorher: viele Menschen vor dem Bus, Türen gehen auf, erstickenden Karpfen gleiche Menschen werden ausgespuckt und japsen gierig nach Luft, Türen gehen wieder und die Menschen vor dem Bus sind genauso zahlreich wie vorher. Nur schlechter gelaunt. Ameisen sind da genügsamer.

Der dritte Bus musste dann dran glauben. Wulfhild saß inzwischen zu ihrer eigenen Sicherheit in der Biokiste, welche ich vor der Babykugel her erbarmungslos in den Vordereingang des Busses schob. Beschwerden von Berufsschülern nehme ich ja prinzipiell nicht entgegen, wenn ich als Mutter unterwegs bin. Ich schob so lange, bis ich genau hinter die Absperrung direkt vorne beim Busfahrer passte und zum Glück fiel auch kein pubertierendes Mädchen dabei um. Er nahm das wohlwollend zur Kenntnis und erlaubte mir im Gegenzug, Wulfhild VOR der Absperrung abzustellen. Aber vielleicht hat er sie auch nur nicht gesehen, da unten auf dem Boden, als eine Ladung Biogemüse getarnt.

Unfallsicher weil sitzend und da, wo andere erstmal über mich fallen mussten, um auf ihr drauf zu landen, erlebte sie die Busfahrt ihres Lebens, denn auf dieser Höhe sind ja alle Autolichter und Straßenlaternen bestens als tanzende Reflexionen in Pfützen zu sehen. Ein Blinken und Blitzen, wie es Einkaufsstraßen zur Weihnachtszeit nur müde imitieren können, ich sag es ehrlich.

Und weil ich nach Übergabe des Kindes im Kinderbüro wirklich einen Zahn zulegte, kam ich dann auch nur ein bisschen zu spät. Ganz wenig.

Die Moral: ganz einfach. Eine Biokiste ist nicht nur lecker, sondern auch mobilitätsfördernd.

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