3. August 2014

Geht das allen Müttern so?

Liebe Mütter,

die Idee, jeden Monat einen Brief an Wulfhild zu schreiben, war eine super Idee. So hatte schließlich der geek letztes Weihnachten eine Geschenkidee, die mir Pipi inne Augen trieb: er hat mir die Briefe als Buch geschenkt. Mit Papier, Tinte und Einband, totally old-school. Aber auch abgesehen davon ist es jetzt toll, nachlesen zu können, was wann passierte. So weiß man, dass mitnichten die ersten Zähne mit drei Monaten kamen oder das Kindelein weit vor dem ersten Sommerurlaub laufen lernte. Im Nachhinein vernebelt der Verstand nämlich etwas und man kommt durcheinander. Nicht, dass hier ungerechtfertigter Druck auf Herrn Gandalf ausgeübt wird.

Auf jeden Fall konnte ich nachlesen: bei Wulfhild hatte ich in ihrem vierten Lebensmonat einen deutlichen Hänger. Ich hatte das Gefühl, nur noch Mutter zu sein. Milchtankstelle, Windelwechsler, Kümmerungsapparat. Und das bei einem Kind, das tags und nachts ausgiebig seelig schlummern konnte, so dass eigentlich viele Stunden Zeit für mich waren. Anscheinend gelang es mir aber nicht, diese Zeit mit Ich-Zeit zu füllen. Von einem Dr.-House-Marathon mal ganz abgesehen. Ich hatte das Gefühl, verloren zu gehen. Statt freie Zeit zu nutzen, saß ich apathisch rum und faltete Wäsche.

Das Gefühl hab ich jetzt wieder. Ende Februar war ich das letzte Mal im Büro. Zugegeben, da geht es auch oft wie im Kindergarten zu, aber das ist dort mein Revier. Da geht es um mich. Da kann ich über meine Zeit bestimmen und Kaffee trinken so viel ich will.

Dann kam der Mutterschutz, der wegen des Ausfalls der Tagesmutter der Sabbatmonate im Kinderbüro allerdings erstmal zu 100 % Wulfhildzeit war. Mama machst Du? Mama machst Du? Mama machst Du? Mama komm! Mama komm! Mama machst Du? Mama komm! Dann donnerte Herr Gandalf in unser Leben und aus Mama, machst Du? wurde Mama, machst Du? Ich stille den Herrn Gandalf. Und da hier nach der Uhr gestillt wird, teilte sich mein Tag auf einmal in ziemlich regelmäßige Drei-Stunden-Intervalle ein. Alles getaktet, alles durchgeplant. Immer funktionieren, denn einer muss es ja tun. Wulfhild ist zu klein, um sich selber Brote zu schmieren. Die Windel wechselt sie sich auch nicht und Spielen möchte sie auch lieber mit mir als alleine.

Morgens um halb sieben steht Nase an Nase ein Bücherberg vor mir. Mama wach? Ich hab Bücher mitgebracht. Die Soundmachine hat sich selbst 50 Euro in kleinen Münzen eingeworfen und steht bis zwanzig Uhr abends nicht mehr still. Naja, bis auf den göttlichen zweistündigen Mittagsschlaf. Der mir aber natürlich nicht zusteht, da es immer genau so auskommt, dass er Herr Gandalf mitten drin kurz vor dem Hungertod steht, lautstark Rettung einfordert und danach fit wie ein Turnschuh spielen möchte.

Verabredungen sind Kinderverabredungen und da nun zwei Kinder in meinem Auge zu behalten sind, bleibt noch weniger an Hirn übrig für stringente Unterhaltungen mit den Muttifreundinnen. Und dann fahren die ja auch mal in Urlaub und es gibt keine Kinderverabredungen. Oder es werden alle krank. Oder oder oder. Also wieder: soundmachine deluxe nur für mich. Vielleicht sollte ich denken: "Rührend, wie sich das Kind um mich kümmert." Denke ich aber irgendwie nicht.

Kurzzeitig kam dann noch die Möglichkeit auf, dass ich meine Elternzeit eventuell verlängern müsste. Wir wollen nämlich brüderlich teilen, der geek und ich, so dass er ab November dran ist. Ein toller Mann und Vater, erwähnte ich das bereits? Aber die mögliche Notwendigkeit der Planänderung verlieh mir das Gefühl, auf lange Sicht keine Fluchtmöglichkeit zu haben. Ein Gedanke, der einem dann schon wieder ein gesellschaftlich bedingtes schlechtes Gewissen zaubert, denn es wird schließlich davon ausgegangen, dass Mütter in Elternzeit die glücklichsten Menschen auf der Welt sind, denn sie haben a) Kinder und müssen b) nicht arbeiten gehen und werden c) noch dafür bezahlt. Naja, sprechen wir ein anderes Mal drüber. Die Diskussion hat sich übrigens inzwischen erledigt und alles ist wieder gut.

Ziemlich häufig werden meine Augen nass und ich könnte das ein oder andere Ding durch die Wohnung pfeffern. Ich möchte weggehen und einfach die Tür hinter mir zuschließen. Oder mal alleine aufs Klo gehen. Ohne, dass Nase an Tür jemand vor dem Bad steht und im Stakkato fragt: Fertig Mama?

Als Wulfhild drei Monate alt war - und übrigens nur ungefähr die Hälfte von dem wog, was Herr Gandalf jetzt wiegt - konnte ich mir Ich-Zeit einräumen. Ich konnte ganz bewusst ins Café gehen und Leute gucken. Im Park in der Sonne sitzen und ein Buch lesen. Shoppen. In Ruhe alle Stöffchen im Stoffladen streicheln. Das geht jetzt nicht. Mit Zweieinhalb sind das nicht die Beschäftigungen, nach denen man sich sehnt. Das artet schnell in Hyperaktivität auf der einen und Stress auf der anderen Seite aus. Nicht schön. Und Zeiten wie Mittagessen und Mittagsschlaf takten den Tag ganz anders durch als man das Erwachsener manchmal möchte. Eine Lösung suche ich noch und erhoffe mir viel davon, dass morgen das Leben als Kindergartenkind anfängt.

Und dann steht sie vor mir, legt den Kopf schief und fragt verschmitzt nickend: Sollen wir eine Folge 'Peppa Wutz gucken?' als wäre es die tollste Idee, die irgendjemand auf der Welt jemals hatte.
Und dann blickt er beim Stillen zu mir hoch, hält inne und grinst mich breit an.

Dann könnte ich mir nichts schöneres vorstellen.

Geht das allen Müttern so? Habt Ihr Lösungen parat? Wie und wann richtet Ihr Euch Inseln ein? Was macht Ihr dann? Und warum? Woher schöpft Ihr jeden Tag die Kraft, zum tausendsten Mal das Mondbärbuch zu lesen?

Danke im Voraus für die Antworten,
Cati

Kommentare:

  1. Hallo Catibasmati,
    schon lange lese ich bei Dir mit und freue mich immer wieder, wie treffend Du manche Situationen "zu Papier" bringen kannst!
    Ich habe selber 2 wunderbare Nervensägen (fast 4 und 1,5 Jahre alt) und kann Dir nur sagen, dass Du mir aus dem Herz sprichst...
    Seit die kleine 9 Monate alt ist arbeite ich wieder 75 % als Lehrerin. Und leider ist seither die Zeit nur für mich ziemlich knapp geworden. Aber ich kann Dir immerhin sagen, dass wir es ziemlich schnell geschafft haben, die Mittagschlafzeit der beiden am Wochenende so zu takten, dass wenigstens einmal am Tag für eineinhalb Stunden Ruhe herrscht. Die Große schläft zwar nicht mehr wirklich, ist dann aber zur "Entspannung" in ihrem Bett verdonnert, wenn es sein muss auch mit musikalischer Untermalung/Hörspiel o.ä. Das klappt eigentlich ganz gut.
    Naja, genug geschwafelt, ich hab auch keine Patentlösung, nur die Erfahrung, dass es im Lauf der Zeit immer ein bisschen entspannter wird und sich immer mehr kleine "Freizeiten", auch mit wachen Kindern, auftun...
    Ganz liebe solidarische Muttergrüße
    von Andrea

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  2. Grüß Dich
    Beim lesen dachte ich: "Kenn ich. Ja, genau. Kenn ich auch. Stimmt. Auch das, ja. Kenn ich. Kenn ich." Tja...
    Eine Lösung habe ich nicht, nur den kleinen Hoffnungsschimmer, dass es sich wirklich entspannt, wenn das das große Kindlein in den Kindergarten geht. Dann gibt es die Chance, dass die Pausen zwischen Stillen, Schunkeln, Windelwechseln auch wirklich von einem selbst genutzt werden können. Bei mir sieht diese Pausennutzung derzeit so aus: Krampfhaft das Mail-Postfach durchsuchen, ob vielleicht doch wieder was aus dem Büro in cc zu mir durchschwappte. Und dann ganz dankbar und ausführlich darauf antworten, obwohl ich ja meist nicht direkt gemeint bin - meine durchweg männlichen Kollegen achten nämlich sehr darauf, mich in der heiligen Elternzeit nicht über die Maßen zu stören. Wenn die wüssten!
    Auf jeden Fall bin ich mit meinem Mann einig, dass wir noch nie so gerne ins Büro gegangen sind, wie in den ersten Monaten der Kleinchen. Und auch noch nie so gerne wieder heimkamen....

    Halte durch! Sind bestimmt alles Phasen (mein Mantra).
    Liebe solidarische Grüße,
    Stefanie

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  3. Es wird vielleicht nicht besser...aber anders. Letztes Jahr waren meine "Inseln" die Zeit nach sieben Uhr abends...weil beide, damals zwei und vier, pünktlich um sechs ins bett gingen und spätestens ab sieben alles schlief und hier einfach nur Rruuuuuhhhheee war. So schön. Mittlerweile gehen beide in den Kindergarten und ich bin ein bisschen ungeplant mehr zu Hause als gewollt, sodass ich am einen oder anderen Vormittag Zeit habe. Und wenns nur dafür ist, alleine im Bad zu sein. :-)

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  4. ich hab ja nun nur eins, und das ist aus dem allergröbsten raus. daher kann ich nur eines sagen, auch wenn das banal klingt: noch eben durchhalten, und dann, in ca. 5 jahren, ist auch herr gandalf so weit, dass er im hotel nach dem essen nach dem zimmerschlüssel greift und sagt: "ich geh schonmal rauf und spiele tiere". und dann weiß man: es ist geschafft. das immer eltern sein müssen ist geschafft.

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  5. Beim Lesen dachte ich am Anfang du willst darauf hinaus, dass das erste Kind noch viele Briefe bekommt und das zweite schon nicht mehr ;) denn ja, das ist so. Wird auch nicht besser. Aber was du dann schriebst, kann ich auch bestens nachvollziehen, wobei ich jetzt mit Kind drei wirklich diese Zeit genießen kann und mich null nach der Arbeit zurücksehne. Aber liegt wohl auch daran dass ich allerliebste Kollegen habe, mit denen ich mich eh ständig treffe und ich mich auf dem Spielplatz wie am Arbeitsplatz fühlen darf :D

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  6. Liebste Lieblings-Schwangerschaftszwillingscati
    Oh je. Meine Augen sind im Moment auch sehr oft sehr nass. Ich bin oft genervt, stehe unter Strom, möchte manchmal einfach abhauen. Und dann ist da noch diese Stimme in meinem Kopf, die flüstert: "Du hast es so gewollt. Die Kinder sind toll. Du hast es dir ausgesucht. Leb damit." Das machts nicht besser. Ich hoffe, wenn diese /*#~£₩★☆-Ferien vorbei sind, wirds besser. Im Moment habe ich einfach das Gefühl, dass ein Kind immer auf der Strecke bleibt. Und ICH sowieso.
    Es wird bestimmt besser. Ganz sicher.
    Ich würde NIEMALS tauschen wollen.
    Lena

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  7. Liebe Cati,

    dann sind sie auf einmal in der Pubertät und man denkt sich: Huch! Musste ich nicht eben noch ununterbrochen Brote schmieren, Körperteile reinigen, Bücher vorlesen, Fragen beantworten, Äpfel vierteln, Fingernägel schneiden und mindestens ein Auge für jede Himmelsrichtung haben? Und vier Arme? Und mehrere Beine?
    Ja, musste ich.
    Aber sehr zackig rennt die Zeit weiter und dann sind all diese Dinge erledigt. Vorbei. Und der Gedanke zurück ruft eine gewisse nostalgische Wehmut hervor.
    Denn es wird so anders, wenn sie groß werden, die Kinder. Und groß werden sie.
    Wenn ich mit dem, was ich jetzt weiß, noch einmal in der Zeit zurückspringen würde, dann wäre ich ein Freund von Fünfe gerade sein lassen.
    Ich würde versuchen, Momente mehr zu genießen. Das Schöne suchen. Denn in all dem Treiben des Versorgens und Pflegens der kleinen Würmchen ist mir das zu oft abhanden gekommen.
    Und ich würde das Mondbärbuch im Klo versenken. Den hysterischen Anfall würde ich riskieren.
    Aber weil es ist, wie es ist, Zeitsprünge nicht funktionieren, habe ich mich sehr ähnlich gefühlt wie Du.
    Und kann darum eigentlich nur sagen, halte durch, es geht vorbei, schneller als Du denkst.
    Und dann packen sie die Hormone aus.
    Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
    Herzliche Grüße und baldiges Arbeiten,
    Frau Lavendel

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  8. Ich hab keine Ahnung, schicke dafür aber Liebe und eine feste Umarmung.
    Deine Frau Kirsche

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