7. September 2014

26. Brief an Alma

Liebe Alma,

Du bist ein richtiges Kindergartenkind!

Seit einem Monat gehst Du nun ins Kinderhaus und ich frage mich jeden Tag: wo ist das kleine Mädchen hin, dass ich da vor einem Monat zum ersten Mal abgegeben habe?

Du warst ganz schön aufgeregt an Deinem ersten Kindergartentag, aber verglichen mit mir warst Du die Ruhe selbst. Aber Du wusstest ja auch Bescheid, denn wir hatten alle unsere Kindergartenbücher wieder und wieder und wieder studiert und wussten, was auf uns zu kommt. Wenn Conni, Felix und Jakob das können, dann können wir das auch. Richtig? Richtig.


Wir hatten Deinen Kindergartenrucksack mit dem zweiten Frühstück bestückt und stiefelten los. Dass Du jeden Tag nur einen Bruchteil Deines zweiten Frühstücks essen würdest, konnte ja keiner ahnen. Ebensowenig konnte keiner ahnen, dass Du Dir als Farbe Blau auswählen würdest. Ich hatte auf Rot oder Pink getippt, so kann man sich irren.


Und so verlassen wir nun jeden Tag mehr oder weniger gehetzt um halb neun das Haus und nehmen, bequem wie wir sind, den Bus. Du hälst immer unglaublich stolz unsere Busfahrkarte. So ein großes Mädchen. Dass ich Dir noch in den Bus hinein helfen darf, hört wahrscheinlich bald auf, denn alles andere willst Du plötzlich selber machen.



Milch eingießen, Zahnpasta auf die Zahnbürste schmieren, Butterbrot kleinschneiden, Tisch decken, Knete holen.... alles willst Du selber machen und wenn ich oder Papa es versehentlich mal für Dich gemacht haben, brichst Du in ohrenbetäubendes Geheul aus.


Nachdem die Euphorie der ersten Tage allerdings vorbei war, wurde es ganz schön anstrengend mit Dir und dem Kindergarten. Du gingst zwar gerne hin und fandest es ganz toll da, aber sobald ich mich auch nur 50 cm von Dir wegbewegte, brachst Du in Gebrüll und Geheul aus. An Weggehen war nicht zu denken. Ich bekam ganz schön Angst vor dem Moment, in dem ich Tschüss sagen wollte/sollte. Du fingst an, um Dich zu treten und zu heulen wie ein Schlosshund. Ich dann natürlich auch, also bis auf das Treten. Es war grauenhaft und ich habe ganz schön gelitten.

Zum Glück hat eine der Betreuerinnen dann einfach mal durchgegriffen, Dich auf den Arm genommen und festgehalten und abgelenkt. Und ich bin dann, schluchzend und weinend, rausgegangen, Dein Gebrüll im Ohr. Zwar beruhigten mich alle, dass Du Dich relativ schnell beruhigst, aber wer glaubt das schon? Es brach mir das Herz. Mir ging es echt nicht gut.

Und dann ging eines Tages die Eule mit ins Kinderhaus. Und von da an war alles ok. Ich sagte Tschüss, Du sagtest Tschüss - wenn Du nicht schon mit Spielen beschäftigt warst - und standest dann am Fenster zum Winken. Außer Freitags, wenn die Müllabfuhr vorbeikommt. Dann bist Du beschäftigt und hast wichtigeres zu gucken. Ob es tatsächlich an der Eule lag, dass Du Dich auf einmal getraut hast, alleine zu bleiben, das weiß ich nicht. Aber mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich auf einmal gehen konnte.

Jeden Tag bleibst Du nun morgens in der Tür zum Gruppenraum stehen und verkündest, ob die Eule mitgekommen ist, oder nicht. Meistens bleibt sie inzwischen sowieso zuhause, Du denkst gar nicht mehr daran, dass sie vielleicht mitkommen könnte. Ich denke, wir haben die Kurve gekriegt. Und dass es der Eule sehr gut gefallen hat, jeden Tag im Stuhlkreis einen eigenen Stuhl zu bekommen und von allen integriert zu werden, das muss ich Dir ja nicht verraten.

Zuhause spielen wir nun regelmäßig auch Stuhlkreis. Leider kenne ich die meisten Lieder und Spiele nicht, die Du dann singst und spielst, aber ich frage die Betreuerinnen und lerne ziemlich schnell ziemlich viel dazu. Hauptsache, Du bist glücklich.


Jetzt müssen wir es nur noch hinbekommen, dass Du im Kinderhaus Mittagsschlaf machst. Bisher bleibst Du standhaft wach auf der Matratze sitzen und liest, denn: Ich schlafe zuhause. Mit dem Ergebnis, dass Du nach dem Abholen im Kinderwagen einschläfst, sobald wir ungefähr 100 m weit gekommen sind. Und weil ich Dich durchschaut habe und weiß wie Du tickst, habe ich Deinen Bruder schon zuhause in den Tragesack gesteckt, lasse Dich schlafen und latsche zwei Stunden und mehr durch die Gegend. Mit zwei schlafenden Kindern bekommt man so übrigens auch ganz schön viel erledigt. Und frische Luft.

Zuckerschnütchen, ich bin so froh, dass es Dir im Kinderhaus gefällt. Denn auch wenn ich immer wieder feststelle, dass Du noch ganz schön klein bist, wenn ich Dich in der Gruppe beobachte,  so merke ich doch auch: Du bist ein großes Mädchen geworden.

Ich bin stolz auf dieses große Mädchen. Sehr sogar.

In Liebe,
Mama

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