9. Oktober 2014

6. Brief an Thorin

Lieber Thorin,

jetzt bist Du auf einmal ein halbes Jahr alt, wie konnte das denn passieren?

Nachdem Du letzten Monat gelernt hattest, Dich über die linke Seite in die Bauchlage zu schwingen, hast Du diesen Monat die rechte Seite gemeistert. Und bist darüber so erfreut, dass Du weiterhin sofort auf dem Bauch liegst, wenn man Dich irgendwo ablegt. Gerne auch, obwohl Du das gar nicht wolltest, aber das fällt Dir dann leider zu spät ein. Und ein zurück gibt es noch nicht, eimmal Bauch immer Bauch, ist hier die Devise. Hoffentlich bringt der nächste Monat das Drehen zurück auf den Rücken. Hoffentlich.


Und als zweite große Veränderung ist das Quietschen und Kreischen in Dein Leben getreten. Als Du einmal rausgefunden hattest, wie laut Du sein kannst, war es ein bisschen unerträglich, in Deiner Nähe zu sein. Und sich zu unterhalten wurde zu einem Ding der Unmöglichkeit. Du wolltest immer mitreden und dann auch auf jeden Fall der lauteste sein. Immerhin strahlst Du dabei so breit über das ganze Gesicht, dass niemandem auffällt, dass hier Dezibelzahlen erreicht werden, die unter Lärmbelästigung laufen. Wie kann man bloß so große Freude an der eigenen Stimme haben? Du wirst sicher mal Politiker.

Dass Du nun ein bisschen beweglicher bist hat Dich übrigens um einiges entspannter gemacht. Denn Du hattest ja eine ganz schöne Nervensäge sein können. Das gibt sich aber wieder. Und - hurra - unsere Nächte werden wieder besser. Nachdem ich einmal morgens auf dem Rückweg vom Kindergarten nach Hause schluchzend unsere Hebamme angerufen und um Hilfe gefleht hatte - so der Plan, sie war zum Glück nicht erreichbar - wurde es einfacher. Oft hilft es ja, einmal Luft abzulassen, und da zählt wohl auch der gute Wille. Du bist nun wieder von alle zwei Stunden auf eine Mahlzeit runter, die irgendwo zwischen drei und fünf ist. Eher drei, da mache ich mir mal nichts vor. Das Problem ist da eher der Schnuller, der öfter mal nachts rausfällt und dann nicht mehr da ist. Da brichst Du gerne in Panik aus, aber auch das werden wir hinbekommen. Ich hoffe nur, dass wir das im nächsten Monat hinbekommen, denn ich gehe doch bald wieder arbeiten und würde dann gerne etwas weniger oft nachts aufstehen.


Sehr viel besser ist auch das tagsüber einschlafen geworden. War vor vier Woche nocht nicht daran zu denken, dass Du das ohne meine Hand auf dem Bauch schaffen würdest, klappt es jetzt sogar auch mal einfach nur so. Ganz ohne Mama. Ich hab beim ersten Mal ganz schön doof geguckt, als ich mir kurz etwas zu trinken holte und Du eingeschlafen warst, als ich zurück kam. So kann das ruhig weitergehen.

Apropos trinken: Du spuckst nicht mehr nach jedem Stillen Deine Outfits voll. Da bin ich sehr dankbar. Denn so viel kann kein Mensch waschen, dass immer genügend Hosen und Pullover da sind, die nicht nach Milchkotze riechen. Und da ich ja ein wenig übernächtigt bin, komme ich abends einfach nicht zum Nähen. Du musst also mit dem haushalten, was da ist.





Deine Lieblingsbeschäftigung ist Alma gucken. Wenn sie Quatsch macht, besonders geräuschetechnisch, dann jauchzt Du als wäre es das tollste auf der ganzen Welt. Und dann geht mir das Herz auf. Ich wusste gar nicht, dass die Liebe unter Geschwistern so rührend sein kann. So langsam geht sie auch mehr auf Dich zu und interagiert mir Dir. Da ist sie - zum Glück - sehr zurückhaltend, so dass ich mir keine Sorgen um Dein Wohl machen muss, wenn Ihr zwei mal alleine im Raum seid. Und wenn sie merkt, dass sie in Dir ein Publikum hat, dann dreht sie natürlich gerne auf. Wer sieht und hört Dich nicht gerne lachen?


Unsere Babygruppenzeit hat begonnen. Einmal die Woche wird nun vormittags geturnt, gequietscht und geguckt. Ich glaube, es gefällt Dir ganz gut, andere Babies zu sehen und zu gucken, was die Kursleiterin an Spielideen mitgebracht hat. Dass Dich das müde macht, ist ja klar, meistens schläfst Du danach zwei bis drei Stunden tief und fest und wachst nur auf, wenn es unbedingt sein muss. Ich bin allerdings schon gespannt, wann das erste Mal ein Windelmalheur in der Gruppe passiert. Da Du Dein Hobby der Stinkerexplosion sehr lieb hast und ein bis zweimal die Woche mehrere Outfits vollstinkerst, könnte das interessant werden, wenn Du erst gar keine Windel anhast. Ojee.

Aber am wichtigsten: Du gibst Dir große Mühe. Wir haben ein Haus gekauft und sind nun am Wochenende handwerkernd unterwegs. Für Alma werden dann Übernachtungsparties bei den Großeltern geplant, aber da ich Dich ja noch voll stille, musst Du mit ins Haus. Das fandest Du am ersten Wochenende natürlich grauenhaft: ein unbekanntes Reisebett, unbekannter Geruch, es hallt in den Zimmern, komische Geräusche, noch komischere laute Geräusche und Mama und Papa kommen immer nur mal kurz gucken. Da war Beschwerde vorprogrammiert. Am zweiten Wochenende ging es dann schon viel besser. Du hast es geschafft, alleine im Reisebett einzuschlafen, hast seelenruhig vom Kinderwagen aus unser Tun im Wohnzimmer betrachtet und die frische Luft auf der Terasse genossen und Dich dazwischen immer leicht trösten lassen, wenn Dir doch mal alles zuviel wurde. Da bin ich Dir so dankbar. Ich mache mir ja immer Sorgen, gerne auch viele und mehr als nötig, aber am Ende wird es dann doch besser als befürchtet. Du bist ein prima Kerl, kleiner Mann.


Als nächstes steht eine Veränderung beim Füttern an. Seit einer Woche gewöhne ich Dich daran, vormittags eine Flasche zu trinken statt Muttermilch aus der Brust. Denn da ich in einem Monat wieder im Büro sitzen werde, muss bis dahin auf jeden Fall eine Mahlzeit komplett ersetzt sein. Ich möchte nicht im Büro Milch abpumpten müssen, hatte aber gleichzeitig Sorge, dass es bei Dir so wie bei Deiner großen Schwester gehen könnte: völliges Unverständnis und Irritation ob des Breis auf dem Löffel in ihrem Mund. Da war nämlich nach vier Wochen nicht die Mahlzeit komplett ersetzt. Deswegen der sichere Weg über die Flasche, denn die kennst Du schon von meinen Sportabenden. Und nach einigen Tagen Beschwerde geht es nun sehr gut, Du zischst eine volle Mahlzeit weg und bist zufrieden. Deswegen gibt es bald den ersten Möhrchenbrei. Ich bin gespannt, wie das wird.

Herzlichen Glückwunsch zum Halbgeburtstag, mein großer kleiner Mann. Ich bin so froh, dass Du da bist.

In Liebe,
Mama

Kommentare:

  1. Das hast du wieder wunderschön geschrieben :-).

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  2. Halbgeburtstag!??? Tolle neue Wortschöpfung, nehme ich dankend an ;) Wir haben aber noch ein wenig Zeit, bis es bei Willy so weit ist.
    Ich tröste ich mich nun, dass nicht nur mein Baby ständig vom Rücken auf den Bauch rollt und den Weg zurück nicht findet... ich fühle mich ein wenig wie am Grill: ständig wenden! ;)

    Alles Liebe für den kleinen Halbgeburtstagler!
    Anke

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