9. Februar 2015

10. Brief an Thorin

Lieber Thorin,

mein großer kleiner Junge, Wüterich, Dicker, Hans-Dietrich-Genscherbacke, Nervtöter, Lachnase, Speckbeinchen, Pflaume im Speckmantel, Quatschbirne, Brabbelhans.

Unglaublich, aber Du wirst gerade unglaublich groß. Nicht, dass Du endlich angefangen hättest zu krabbeln, neinnein, aber irgendwie bist Du sehr groß geworden im letzten Monat. Du hast inzwischen fast sechs Zähne, eine zuckersüße Zahnlücke oben, stramme Waden, trägst Kleidergröße 74, schläfst auch schon mal bis 4 Uhr morgens, bevor Du beinahe verhungerst, kannst ein Nein gar nicht nur unter Gebrüll schwer ertragen und kannst eigentlich immer ganz schön schimpfen.

Aber fangen wir vorne an: Anfang des Monats sind wir umgezogen, endlich. Du bewohnst zwar immer noch zusammen mit Deiner großen Schwester ein Zimmer, aber das geht wunderbar und man soll ja nichts ändern, das gut läuft. Dafür ist das Wohnzimmer viel größer, es gibt Eichhörnchen im Garten und die Sonne scheint zu jeder Tageszeit durch fast geputzte Fenster ins Haus hinein. Auf dem Parkett kommst Du überraschend schnell vorwärts, so dass Du anscheinend keine große Notwendigkeit für das Krabbeln lernen siehst. Das machst Du nämlich noch immer nicht, obwohl Du schon ziemlich gut im Bärenstand hin und her wippst, Dich mit beiden Händen irgendwo hochziehst und Dich mit Deinen Speckbeinchen abstützt. Ich bin gespannt, hätte ich doch noch vor wenigen Monaten Geld darauf verwettet, dass Du das viel schneller lernst als Deine Schwester. Nun liegst Du schon einen Monat zurück. Und alleine hinsetzen klappt auch noch nicht. Es bleibt spannend.

Du bekommst gerade Zahn Nr. 6, der sich oben links schon gut fühlen lässt. Aber noch ist er nicht durchgebrochen, man wird also nur von fünf messerscharfen Spitzen durchbohrt, wenn man mal nicht aufpasst und Dich zubeißen lässt. Zum Glück ist oben eine zuckersüße Zahnlücke, das macht alle Schmerzen wieder wett. Eigentlich geht das auch ganz gut mit den Zähnen. Du hast ein paar Tage Malässe, dann ist es einen Tag sehr ungemütlich mit Dir und dann ist wieder alles gut. Weiter so.


Letzten Monat hast Du übrigens endlich gelernt, Dir selber den Schnuller in den Mund zu schieben. Das erleichtert alles, aber besonders das Schlafen. Wie oft sind wir zwischen dem Schlafengehen um halb acht und dem Nachtfläschchen gegen zwei Uhr aufgestanden, weil Du theatralisch wie es nur kleine Kinder sein können nach dem Schnuller gesucht hast. Und nun fängst Du an zu knöttern und hörst nach erfolgreicher Suche einfach wieder auf. Himmlisch. Seit einigen Nächten schaffst Du es sogar, bis vier Uhr zu schlafen. Der Himmel auf Erden! Ich war schon dem Verzweifeln nahe, doch es scheint möglich, dass Du irgendwann mal einfach durchschläfst. Allerdings ist es nun um vier Uhr nicht möglich, Dich aus dem Bett zu holen und in Stille die Flasche zu machen. Du wachst auf, knötterst, knötterst lauter und lauter und lauter und lauter und schimpfst und schimpfst und schimpfst bis dann endlich die Flasche drin ist. Geduld ist wahrlich nicht Deine Stärke, nachts noch viel weniger als tagsüber.

Direkt einen Tag nach dem Einzug ins neue Haus - Deine große Schwester und Du habt bei LaOma und Vati Basmati geurlaubt, während wir die Umzugsschergen Kisten schleppen ließen - testeten wir dann mal direkt den neuen Kinderarzt, da Du die ganze Nacht bellend gehustet hattest. Im Wartezimmer warst Du direkt der Start, weil Du strahlen kannst wie kein anderer und völlig ohne Scheu durch die Gegend auf Erkundungstour krabbelst. Der Kinderarzt ist sehr entspannt und gefällt uns gut. Keiner, der Euch und Eure Theatralik zu ernst nimmt, das kommt mir sehr entgegen. Und er fand Dich sehr lustig, das brachte ihm natürlich auch viele Punkte ein. Letzten Endes war aber alles nichts schlimmes, wir hatten nur nach dem ganzen Renovieren unglaublich viel Staub und trockene Luft im Haus, was Deinen kleinen Lungen zu sehr zugesetzt hatte. Alles gut.


Was Du gar nicht gut kannst, ist loslassen. Hast Du einmal eine interessante Stelle im Haus gefunden, dann wird diese genau untersucht. Erschallt dann ein bestimmtes NEIN!, schaust Du mich verwundert an und brichst dann in lautes Heulen aus, so als wollte ich Dich foltern. Und dann geht es von vorne los. Genau so lautes Heulen erschallt, wenn wir alle den Raum verlassen und Du nicht schnell genug hinterher kommst. Manchmal glaube ich aber, dass Du sehr wohl schnell genug sein könntest, um zu sehen, wo wir hingegangen sind. Du wartest nur gerne auf eine persönliche Einladung.

Das größte überhaupt sind Türen. Aufschieben, zuschieben, aufschieben, zuschieben. Den ganzen Tag. Dann bist Du glücklich.

Essen macht Dich aber auch glücklich. Am liebsten Milchbrei, Gemüse-Kartoffelbrei nur im Notfall und dann bitte mit viel Obst. Aber ich bin ja flexibel und auf Harmonie bedacht, also kommen wir da gut klar. Seitdem wir im neuen Haus wohnen, hast Du Deinen eigenen Hochstuhl. Und wenn Du satt bist oder nicht mehr weiter essen willst, dann wirfst Du Dich theatralisch nach links, weg von mir und dem Löffel. Trinken hingegen geht immer, Du kleiner Säufer. Wir benutzen wie schon bei Alma einen Trinklernbecher mit kleinem Ausguss, denn von der Nuckelflasche wollen wir ja weg, also switchen wir gar nicht erst zur Wassernuckelflasche hin. Das klappt sehr gut.

In einem Monat geht es zur Eingewöhnung bei einer Tagesmutter. Ich bin sehr gespannt, aber da Du Dich schon beim ersten Kennenlernen wohlgefühlt hast, wird die Eingewöhnung wahrscheinlich wieder nur für mich sein. Das kenne ich ja schon.


Mein lieber Thorin, manchmal würde ich gerne wissen, was Du denkst. Diese großen Augen, die einen so durchdringend anstarren können, sind der Hammer. Als Mutter weiß ich ja, dass Du sehr schlau bist, aber manchmal befürchte ich, dass Du viel zu schlau bist für diese Welt. Bis Du wieder etwas unglaublich süßes dummes machst und dann erschüttert losbrüllst. Dann weiß ich: Du bist einfach nur mein kleiner Dicker.

Jeden Tag im Büro vermisse ich Dich ganz unendlich. Noch zwei Monate Vollzeit arbeiten und dann bin ich wieder mehr für Dich da. Da freue ich mich genau so drauf, wie ich mich davor fürchte. Aber wir werden das Kind schon schaukeln, gell?

In Liebe,
Mama

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