9. April 2015

12. Brief an Thorin

Lieber Thorin,

wie schnell ist das Jahr vergangen? Du bist 1. Unglaublich.

Vielleicht finde ich es so unglaublich, weil ich die letzten Monate nicht mit Dir verbracht habe, sondern morgens oft noch vor Eurem Aufstehen das Haus verließ und abends nur noch zum Zubettgehen nach Hause kam. Da verpasst man ganz viel und die Wochenenden waren ja doch sehr von Baumarktbesuchen, Ikeaplünderungen und Renovierungen geprägt. Mir kommt es so vor, als hätte ich Dich gar nicht mitbekommen.

In guter alter Schlingelmanier hast Du aber wieder genau den 10. März abgewartet, um mit dem Krabbeln anzufangen. Vorher war Dir das viel zu langsam, zu krabbeln. Man kann doch auch in Blitzgeschwindigkeit robben, das reicht doch. Aber anscheinend ist krabbeln nun doch besser, so dass Du das auf Parkett und Fliesen gleichermaßen bevorzugt machst.


Stehen gelingt auch immer besser, inzwischen bist Du so sicher, dass Du nach dem Hochziehen an der Couch zum Couchtisch wechselst oder so. Alle liegen mir in den Ohren, dass das mit dem Laufen jetzt nicht mehr lange dauert, aber ich habe schon so ein Kind, dass sich mit 1 hervorragend hochzog und dann doch keine Lust hatte, loszulassen. Lass Dir Zeit, keiner scheucht Dich.



Ganz besonders Deine Schwester wird Dich nicht scheuchen, ist sie so wenigstens noch schneller als Du. So kann sie all Deine Spielsachen vor Dir in Sicherheit bringen oder sie Dir wegnehmen, wie es ihr beliebt. Sie ist da ein bisschen besitzerergreifend, was Dir aber nicht viel auszumachen scheint. Du himmelst sie einfach an und alles ist gut. Streiten tut Ihr Euch so gut wie nie. Außer natürlich, wenn Du, mit Begeisterung, das Türgitter zum Kinderzimmer zu wirfst und sie einsperrst. Das findet sich dann weniger gut. Deine Begeisterung für Türenöffnen und -schließen schmälert das natürlich nicht.


Seit ein paar Tagen verweigerst Du den Mittagsbrei. Ich bin mir nicht sicher warum, es können Zähne sein, die Dir das Essen verleiden. Bisher hast Du 8, aber ein paar Backenzähne könnten nicht schaden. Denn Du futterst mit Begeisterung Brot, Bananen, Birnen, Nudeln und Fleischwurst. Die Palette an Lebensmitteln, für deren Bewältigung man mehr als Schneidezähne braucht, ist also noch groß. Ich muss mal überlegen, wie ich trotzdem Gemüse in Dich hinein bekomme, denn Deine Fingerfoodportionen sind nicht so groß, dass sie Dich satt machen und gekochte Kartoffeln und Möhren findest Du nicht so spannend. Pfannkuchen kamen heute halbwegs gut an, vielleicht schummel ich da ein wenig Gemüsebrei rein. Lass Dich überraschen!



Vor einigen Wochen hat Papa übrigens angefangen, Dir abends um zehn eine Flasche zu machen. Wir holen Dich schlafend aus dem Bett, Du säufst alles leer, was man Dir hinhält und dann klappt das auch mit dem Schlafen. Ich bin so überglücklich. Nach einem Jahr voller stündlicher Jammerei bis Brüllerei ist das nun doch endlich ein Lichtblick am Horizont. Und viel besser mit der Konzentration im Büro zu vereinbaren, glaub es mir. Wann und wie wir mit der Spätflasche wieder aufhören, wissen wir noch nicht. Wir genießen erstmal, dass es überhaupt funktioniert.



Die Schnullerfixierung bekommen wir auch so langsam in den Griff. Du hast zum Schlafen einen per Schnullerkette am Schlafsack hängen, was ebenfalls eine hervorragende Idee Deines Papas war. Nun findest Du den selber wieder und auch das trägt ungemein zum Durchschlafen bei. Wie oft mussten wir in Euer Zimmer rennen, um den Schnuller dem brüllenden Kind wiederzugeben. Und ihn vorher aus der hintersten Ecke unter dem Bett hervorkramen. Beim Spielen brauchst Du ihn fast nicht mehr, außer an leidlichen Tagen. Das ist allerdings unabhängig davon, ob Du leidend bist, oder Deine Eltern. Denn mit Schnuller bist Du einfach zufriedener. Oder leiser, das kann auch sein.

Denn Du bist schon ein Jammerer. Papa verlässt den Raum: jammern. Laut und leidend. Du darfst nicht mit der Fernbedienung spielen: jammern. Laut und leidend. Alma hat eine Nudel und Du nicht: jammern. Laut und leidend. Du stehst an der Couch und jemand geht in die andere Ecke des Raumes: jammern. Laut und leidend. Du darfst nicht alle wachen Minuten auf den Arm: jammern. Laut und leidend. Das kann äußerst nervig sein, was dann nicht zur allgemeinen Beruhigung beiträgt. Ich hoffe, dass es nur eine lange, lange, lange Phase ist und irgendwann vorbei geht. Du bist aber halt auch einfach der Typ, der Nähe braucht. Das kennen wir von Deiner Schwester nicht, Du musst also Geduld mit uns haben. Immerhin belohnst Du uns ansonsten mit dem strahlendsten Lächeln, das ich kenne. Da geht wirklich die Sonne auf.



Apropos Papa: es ist unglaublich für mich, wie sehr Du auf Papa fixiert bist. Papa ist es, der trösten muss. Ist Papa krank, stehst Du an der geschlossenen Schlafzimmertür und jammerst, weil er nicht da ist. Wirst Du mitten im Mittagsschlaf wach, muss Papa Dich trösten, sonst schläfst Du nicht mehr ein. Erstaunlich, wie sehr so eine Vollzeit-Elternzeit das Verhältnis prägt. Eigentlich klar, dass er Bezugsperson Nr. 1 ist, aber auch komisch für mich. Ich bin schon gespannt, wie es wird, wenn er ab Mai Deine Kitazeit mit Dir gemeinsam einläutet. Deine Schwester wechselt dann auch die Kita, so dass Ihr gemeinsam dort sein könnt. Das wird spannend!

Mein lieber Thorin, das letzte Jahr war eins der schwersten in meinem Leben, das gebe ich zu. Aber ich würde für nichts auf der Welt tauschen. Ich bin so froh, dass Du bei uns bist und wir Dich auf Deinem Weg begleiten dürfen. Mein Strahlemann, mein Sonnenschein, meine Knatschbirne, mein Männlein. Tausend Dank für Deine tausend Grimassen.

In Liebe,
Mama

1 Kommentar:

  1. Hach, wie schön! Das klingt so wunderbar ehrlich und nicht weichgespült - und eben total lebendig (auch wenn man sich in dieser Phase meistens nicht so fühlt...)! Ich wünsche Euch ein wunderbares zweites Jahr zu viert.
    Grüße von
    Ute

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