15. April 2015

Heute wird gut

Weil wir schlaue Füchse sind, wohnen wir immer schon so, dass man mit wenig Schwung in den Tag starten kann, da die Wege immer erstmal bergab gehen. Angefangen von der Wohnung im dritten Stock, über den Fußweg hinunter in die Stadt und so weiter.

Jetzt wo wir im Rosengarten unsere Luftmatratze aufgeblasen haben, ist es wieder so. Mit wenig Schwung erreiche ich dabei wie von selbst bergab die Haltestelle der Dampfmaschine und der Berg läuft dabei so sanft aus, dass ich ohne per Vollbremsung an der Glastür des Bäckers zu zerschellen nach 10 Minuten glücklich mit meinem Cappuccino am Bahnsteig stehen kann. Die Bahnfahrt erledigt sich ja quasi wie von selbst und ab Zielbahnhof ist wieder nur wenig Schwung von Nöten, um den kurzen Anstieg zur Mitte der Strecke Bahn-Büro zu erklimmen, den Schwung mitzunehmen und dann frisch wieder junge Morgen auf dem Bürostuhl niederzusinken. Der zugegebenermaßen im 5. Stock liegt und ein wenig Bergsteigerei im Treppenhaus erfordert. Dieses Detail ist für unsere Geschichte aber völlig irrelevant, denn heute bin ich ja am Hauptbahnhof der Kaiserstadt ausgestiegen, einige Haltestellen zu früh.

Was genau auf der Bahnfahrt passiert, wie viele Haltestellen es gibt oder ob Bäume die Gleise säumen, kann ich gar nicht genau sagen, denn ich trinke ja erst Cappuccino während ich im Internet surfe, dann grüße ich per Smartphone die Lieblingsblondine im hohen Norden und dann lese ich. Rausgucken werde ich ab demnächst.

Aber ich weiß, wann wir in der Stadt ankommen, denn dann steigen unglaublich viele Schüler zu, die sich erstmal mitteilen müssen. Schanaia zum Beispiel gibt am meisten Geld aus, wenn sie eigentlich sparen will, und besitzt nun neue goldene Sneakers und drei Crop-Shirts. Die Jeans holt sie sich wohl auch noch, aber in einem Anflug von Sparsamkeit hat sie die gestern nicht mitgenommen. Seien Sie also beruhigt, Schanaia geht es gut.

Wenn also Schanaia und ihre Freundinnen und Verehrer eingestiegen sind, dann kommen wir bald zum Hauptbahnhof und da wohnte ich ja mal. Wehmut. Heute bin ich einfach mal ausgestiegen, weil das Wetter so grandios war, dass ich dachte, ich könnte ja auch zum Büro laufen. Da brauche ich nämlich genau so lange, wie ab der eigentlichen Zielhaltestelle, nur dass ich halt viel länger laufen muss. Aber heute habe ich Bewegungsdrang.

Was ich nicht bedacht hatte: dreimillionenfuffzichzwölf Schülerinnen und Schüler, also Schanaia und ihre Verehrer, drängen sich aus dem Zug und wollen genau dorthin, wo ich auch hin will. Vom Bahnsteig runter und zum Ausgang. Wussten Sie, wie lange es dauert, bis dreimillionenfuffzichzwölf Schülerinnen und Schüler das Nadelöhr Treppe passiert haben? Die fünf Berufstätigen, die sich schüchtern darunter befinden, kann man da ruhig ignorieren. Ich merke, wie mich die Idee des morgendlichen Laufens aus der Bahn wirft, denn wenn das so weitergeht, bin ich erst 15 Minuten nach der geplanten Ankunft am Büro. Und habe diese Zeit noch nicht mal an der Sonne verbracht.

Doch was sehe ich da: eine der fünf Berufstätigen schleicht heimlich still und leise um die Ecke. VOR der Treppe. Ich spinxe hinterher: der Aufzug. Da ist noch Platz für mich. Vier Berufstätige stehen entspannt in der Kabine und gleiten ein Stockwerk tiefer gen Ausgang. Eine Welle der Entspannung durchflutet mich.

"Und man fühlt sich so viel schlauer. Der Tag kann nur gut werden."

Ich denke, ich habe gesagt, was alle gedacht haben.

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