9. Juli 2015

15. Brief an Thorin

Lieber Thorin,

lass uns mal einen Kompromiss machen, ok? Du hörst für zwei Sekunden auf, Dinge aus Frack runterzuschmeißen und wie ein Hollywoodgirl zu kreischen, weil Du Deinen Willen nicht bekommst, und ich umwickel Dich mit meinem Mitleid, weil Du vier Backenzähne auf einmal bekommst, beim Urologen umfangreich befummelt wurdest, eine Impfung über Dich ergehen lassen musstest und Hitze doof findest.

So, geht doch.

Mein kleiner Muckelmann, Du bist so eine Granate, das ist unglaublich. Zwar bist Du um einiges zufriedener, seit Du laufen kannst, aber Du forderst mich trotzdem gefühlte 48 Stunden am Tag. Diesen Monat, als es plötzlich weit über 30°C warm war, musstest Du ganz schön leiden. Erst ging es halbwegs, aber einschlafen war viel schwieriger als sonst, bis wir in den Keller umgezogen sind zum Schlafen. Euer Matratzenlager im Spielzimmer sah so niedlich aus. Und es war auch ganz schön gemütlich, denn ich musste ja auch ganz schön oft da schlafen. Sonst war es Dir unheimlich. Du hast mich aber ganz schön oft reingelegt und so getan, als wärest Du nach viel hin- und herwälzen endlich doch eingeschlafen. Und wenn ich mich dann rausschleichen wollte: zack, Augen auf, Hand festhalten. Und wieder von vorne mit dem Einlullen. Nun gut, es war ja schön kühl da.

Hab ich jetzt so im Vorbeigehen geschrieben, dass Du laufen kannst? Yeah! Es war zwar weniger ein Laufen lernen als ein Entscheiden, dass Du das jetzt kannst, aber Hauptsache, Du läufst. Es ging von anfang an richtig gut, Du bist direkt beim ersten Mal von der Küche durchs Esszimmer ins Wohnzimmer und zurückgelaufen. Am 10. Jahrestag von Papa und mir, Du hast ein Händchen für Timing. Ich glaube, wir gehen demnächst mal die ersten Schuhe kaufen, denn die kannst Du definitiv nicht von Deiner Schwester erben. Sagen wir mal so: sie hat schmale Füße, Du nicht. So ganz und gar nicht.

Essen war bei der Hitze natürlich auch doof und bei all den Zähnen war Dein Kiefer sicher sehr empfindlich. So wurdest Du zum Breiverächter. Inzwischen weißt Du, dass man Hunger hat, wenn man nichts isst, und schaufelst wieder wie zuvor. Sehr gut. Am liebsten isst Du allerdings frische, saftige Sachen. Erdbeeren gehen immer, aber auch Melone oder so.

Kindergarten läuft super. Der zweite Monat ist rum und Du hast Dich super eingelebt. Aber das ist eigentlich kein Wunder, weil sich alle anderen Kinder fast darum reißen, sich um Dich zu kümmern. Das ist ein Hallo, wenn Du morgens ankommst. Die Erzieherinnen sind natürlich auch sehr von Dir angetan, weil Du ja lächeln kannst wie kein anderer. Und Du Deine Hollywoodreifen Schreiattacken und Wurfübungen anscheinend für zuhause reservierst. Leider wechselt Deine Lieblingserzieherin den Kindergarten und nach den Ferien sind alle anderen Kinder aus Deiner Gruppe in die größeren Gruppen gewechselt. Das wird komisch, mit lauter neuen Kindern. Aber da dann alle in Deinem Alter sein werden, wird es schon gehen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie Du Dich als alter Hase um die Neuen kümmern wirst.

Wir haben (am heißesten Tag des Jahres) Euer Spielhaus aufgebaut. Du gehst ab wie eine Rakete da drin. Tür auf, Kind rein, Tür zu, Fenster auf, Fenster zu, grinsen, kreischen, Tür, Fenster... Stundenlang. Es ist so unglaublich, wie Du strahlen kannst. Da geht die Sonne auf und alle müssen Dich anlachen und gern haben. Behalte Dir das auf jeden Fall!

Worüber wir aber auf jeden Fall reden müssen, das ist Dein Verhältnis zu Papa. Ich stimme ja zu, dass er Deine Nr. 1 sein darf, weil er die zweite Hälfte Deines Lebens Elternzeit hatte. Das verbindet und ihr zwei seid ganz dicke. Ok, ok. Aber wenn ich mit Dir schimpfe, schaust Du erstmal zu Papa, ob der das auch so sieht. Erst dann hörst Du, vielleicht, auf das was ich sage. Wenn etwas passiert, rennst Du an mir vorbei zu Papa und lässt Dich von ihm trösten. Wenn ich nach Hause komme, nimmst Du das zur Kenntnis, wenn Papa nach Hause kommt, freust Du Dich und rennst zu ihm hin. Wenn Du nachts wach wirst, darf ich Dich trösten und wieder hinlegen. Aber dann weinst Du nochmal von vorne los, bis Papa kommt. Zur Sicherheit. Könntest Du mich auch ein bisschen liebhaben?

Ich habe Dich nämlich sehr lieb.

In Liebe,
Mama

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